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Artikel

Wo wenig ist, kann vieles werden

Ausgabe

Sachsen-Anhalt-Journal - „Zukunft“ (Nr. 1, 2025)

Themen

Bildung & Vermittlung Jung & Alt Kunst & Musik

Zwischen Brachfläche und Burgerbude: Ein Kunstprojekt ermutigt Wolfener Jugendliche, ihre Stadt als Möglichkeitsraum zu verstehen

Projekt: „Wolfener Schwalben“ von Wilhelm Klotzek mit Unterstützung von Milan Herms. Alle Arbeiten entstanden am 9. und 10. April mit Schüler:innen des Heinrich-Heine Gymnasiums in Wolfen

„Der Wolfener Hausbaum“, Oskar Fritsche, Eddie Rothenstein, Collage, 70×100 cm

„Verdrehte Welt“, Viet Cuong Nguyen, Luca Matthias Seelig, Collage, 70×100 cm

„Wolfener Horizont“, Maxi Jana Seelig, Johanna Christin Täubert, Collage, 70x100cm

Für viele Schüler:innen des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Wolfen ist ein unscheinbarer Ort zu einer festen Größe im Alltag geworden: der einfache, zweckmäßige Bau eines bekannten amerikanischen Fast-Food-Giganten, nur wenige Gehminuten von der Schule entfernt. Dort treffen sie sich nach dem Unterricht – nicht nur wegen der günstigen Snacks, sondern vor allem, weil es an echten Alternativen mangelt.

Was hier geschieht, ist kein Einzelfall. Überall auf der Welt eignen sich Jugendliche jene halböffentlichen Räume an, die ihnen zur Verfügung stehen – Einkaufszentren, Schnellrestaurants, Parkplätze. Auch in Wolfen lässt sich diese Form alltäglicher Raumaneignung beobachten. Doch im Unterschied zu vielen anderen Städten gibt es hier etwas, das andernorts selten ist: Freiraum. Viel davon.

Als das OSTEN-Festival im vergangenen Jahr den Künstler Wilhelm Klotzek aus Berlin einlud, einen Beitrag zum Programm zu leisten, hatte dieser zunächst keinen vorgefertigten Plan. Doch in der Auseinandersetzung mit der Region, der Stadtgeschichte und den heutigen Realitäten Wolfens entstand schnell die Idee, gemeinsam mit Schüler:innen vor Ort zu arbeiten. Klotzek hatte bereits für das Potsdamer Museum DAS MINSK ein ähnliches Projekt mit einer Schulklasse umgesetzt – warum also nicht auch hier?

Gemeinsam mit dem Filmemacher Milan Herms begab er sich auf eine erste Spurensuche durch die Stadt. Die beiden hielten markante Architekturen Wolfens im Bild fest – als Ausgangsmaterial für einen Perspektivwechsel. Anhand dieser Fotografien waren die Jugendlichen eingeladen, neue Ideen für die Nutzung dieser Orte zu entwickeln. Doch bevor überhaupt Entwürfe entstehen konnten, galt es, das Sehen selbst zu verändern. Erst wer die Stadt nicht nur als gegeben, sondern als gestaltbar begreift, kann Vorstellungen von Zukunft entwickeln.

In einem mehrtägigen Workshop entwickelten die Jugendlichen schließlich architektonische Visionen für ihren Stadtteil – inspiriert von den Ideen des Architekturtheoretikers Yona Friedman, der mit seiner Collagetechnik eine einfache, offene und partizipative Form der Stadtplanung propagierte. Dieser Akt der Selbstermächtigung – Zukunft nicht nur passiv zu erwarten, sondern aktiv mitzugestalten – stand im Zentrum der gemeinsamen Arbeit.

Ausgangspunkt waren die Fotografien von Klotzek und Herms, anhand derer die Jugendlichen Zeichnungen und Collagen entwarfen. Diese wurden schließlich in großformatigen Schaukästen vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des einstigen Filmherstellers ORWO (vormals AGFA) präsentiert – einem Ort, der selbst Sinnbild für die wechselvolle Geschichte und den strukturellen Wandel der Region ist.

„Wolfasians Transfomation“, Xenia Ahlbach, Jamie Diane Kaiser, Milena Salzmann, Collage, 70×100 cm

„Die Zunkunft“, Levin Tegge, Caroline Sandu, Collage, 70×100 cm

„Nutz den Platz, sonst tun wir es !“, Nils Bittner, Louis Mory, Collage, 70x100cm

Die entstandenen Arbeiten zeigen eine große Bandbreite. So wurde etwa die Idee eines neuen Autohauses entworfen – ein sehr konkreter, aber auch vermeintlich banaler Vorschlag, der auf das Fehlen von Berufsperspektiven vor Ort reagiert. Daneben finden sich utopische Entwürfe wie ein modularer Wohnturm, der alternative Formen des Zusammenlebens imaginiert. Besonders spannend ist der Vorschlag einer Weiterentwicklung des bekannten Schnellrestaurants, das nach Vorstellung der Schüler:innen künftig eine Art amerikanisch-asiatische Fusionsküche anbieten soll – inklusive Speisekarte mit Frühlingsrollenburger.

Viele der Ideen sind tastend, suchend – sie spiegeln nicht nur Zukunftsvisionen, sondern auch den Versuch, sich die eigene Gegenwart überhaupt erst als gestaltbar vorzustellen. So ist das Projekt „Wolfener Schwalben“ letztlich mehr als eine Sammlung jugendlicher Zukunftsfantasien. Es ist ein zartes und ernsthaftes Nachdenken darüber, wie Stadt neu gedacht werden kann – gerade dort, wo vieles als vermeintlich abgeschlossen erscheint.

In einer Region, die oft über ihre Verluste erzählt wird, zeigen diese Entwürfe eine andere Geschichte: die von jungen Menschen, die sich Räume nehmen – und sie sich neu vorstellen.

„Monopol Wolfen“, Nina Marie Brußig, Shakira Voigt, Collage, 70x100cm

„Die Werkstatt des Olymp“, Tommy Pohl, Jil Janitza, Jennifer Jane Jurzok, Collage, 70x100cm

„Pillars of Nature“, Marc Cedric Bauer, Lina Al-Qaddo, Tim Julien Walther, Collage, 70x100cm

„Blumige Zukunft“, Lena Noack, Hannah Lilli Welz, Collage, 70x100cm