Weinbau am Geiseltalsee, Luisa Weichert
Interview
Wo einst Braunkohle lag, wächst heute Wein
Die Geiseltaler Weinprinzessin Luisa Weichert über Familie, Ehrenamt und den Moment, in dem Wein plötzlich nach Paprika schmeckte
Wo jahrzehntelang Braunkohle gefördert wurde, wachsen heute Reben. Die Familie Reifert aus Freyburg glaubte früh an die Vision vom Weinbau auf einer rekultivierten Tagebauhalde mit Blick auf einen See, der damals noch im Entstehen war. Aus einer ehemaligen Mondlandschaft entwickelte sich Schritt für Schritt ein Weinberg. Eine, die diese Geschichte heute repräsentiert, ist die Geiseltaler Weinprinzessin Luisa Weichert. Die 21-Jährige steht für eine Region, die sich neu erfunden hat.
Landesheimatbund (LHB): Wer sind Sie, wenn Sie nicht Ihre Weinprinzessinnen-Krone tragen?
Luisa Weichert: Ich mache eine Ausbildung zur Pflegefachkraft, bin im dritten Lehrjahr und habe im Mai Abschlussprüfung. Neben dem Amt der Weinprinzessin engagiere ich mich ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr und in der Pfingstgesellschaft meines Heimatortes Gröst. Ich bin am Geiseltalsee aufgewachsen, meine Großeltern leben in Frankleben direkt an der Geisel. Dort habe ich als Kind viel Zeit verbracht, habe sogar in alten Rohren aus der Zeit der Flutung gespielt. Diese Landschaft gehört fest zu meinen Erinnerungen.
LHB: Wie Sind Sie zum Wein gekommen?
Luisa Weichert: In meiner Familie gab es keinen direkten Bezug zum Weinbau. Mit 17 habe ich einen Nebenjob im Weingut angefangen. Anfangs hatte ich keinen Zugang zu Wein und habe kaum welchen getrunken. Erst durch die Arbeit, durch Seminare und Gespräche mit Winzern habe ich verstanden, wie viel Wissen, Handwerk und Gefühl dahinterstecken.
LHB: Gab es einen Schlüsselmoment?
Luisa Weichert: Ja. Eine Winzerin gab mir einen Sauvignon Blanc und fragte: „Schmeckst du die Paprika?“ Ich hielt das erst für einen Scherz, bis ich sie wirklich geschmeckt habe, die Paprika. Da habe ich begriffen, dass Wein nicht einfach gleich schmeckt. Wenn man bewusst riecht und probiert, öffnet sich eine neue Welt.
LHB: Wie lief Ihre Krönung als Weinprinzessin ab?
Luisa Weichert: Im September, beim letzten Weinabend auf dem Weinberg mit Livemusik und vielen Gästen. Jede Prinzessin entscheidet selbst über ihren Auftritt. Ich kam – passend zu meinem Feuerwehr-Ehrenamt – mit dem Feuerwehrauto, begleitet von Bergmännern. Viele von ihnen haben noch im Braunkohleabbau gearbeitet. Das war sehr bewegend.
Weinbau am Geiseltalsee, Luisa Weichert
Die Krönung der Weinprinzessin
Weinbau am Geiseltalsee, Luisa Weichert
Die Bergbautradition ist am Geiseltalsee noch deutlich spürbar.
LHB: Was gehört zu Ihrem Amt?
Luisa Weichert: Weinverkostungen, Weinfeste und Veranstaltungen von Halle über Leipzig bis Thüringen. Ziel ist es, das Geiseltal sichtbar zu machen und Menschen für Wein und Geschichte zu begeistern. Von April bis September bin ich fast jedes Wochenende unterwegs.
LHB: Gibt es besondere Erlebnisse?
Luisa Weichert: Vor allem die Sommerabende auf dem Weinberg: Sonnenuntergang, Musik, Gespräche mit Menschen, die sich vorher nicht kannten. Ich mag den Austausch mit älteren Gästen, die erzählen, wie es hier früher aussah. Besonders freue ich mich auf den Weinathlon am 16. Mai, einen 8,5-Kilometer-Lauf rund um den Geiseltalsee mit sieben Weinverkostungsstationen.
LHB: Ihr Lieblingswein?
Luisa Weichert: Bacchus, das ist mein Prinzessinnenwein. Feinherb, fruchtig, leicht. Für mich der perfekte Wein für einen warmen Sommerabend.
LHB: Was macht das Geiseltal einzigartig?
Luisa Weichert: Der Blick über den See vom Weinberg und das Gemeinschaftsgefühl. Die langen Tafeln sind so gestaltet, dass Fremde zusammensitzen. Genuss bedeutet für mich Gemeinschaft.
LHB: Ist die Region als Weinregion noch ein Geheimtipp?
Luisa Weichert: Ja. Viele kennen das Geiseltal nur vom Bergbau. Dass hier Wein wächst, wissen wenige. Dabei ist es eine Erfolgsgeschichte: aus einer Mondlandschaft wurde ein lebendiger Weinberg. Der besondere Geschmack entsteht durch Boden und Lage, alte Halde mit Muschelkalk, Kalk und Schotter, Hanglage und viel Sonne. Ein Müller-Thurgau von hier ist nicht vergleichbar mit anderen Regionen.
LHB: Haben Sie Ihre Familie für Wein begeistert?
Luisa Weichert: Ja. Mein Opa fragt inzwischen regelmäßig nach Essens- und Weinempfehlungen. Einmal habe ich ihm einen Cabernet Mitos geschenkt und Rehwild dazu empfohlen. Am Ende saßen wir gemeinsam am Tisch – ein besonderer Moment.
LHB: Sie engagieren sich auch bei der Feuerwehr und der Pfingstgesellschaft. Warum?
Luisa Weichert: Meine Eltern sind sehr heimatverbunden und engagiert. Das war bei uns selbstverständlich. Mein Papa ist bei der Feuerwehr, ich war zuerst in der Kinder- und Jugendfeuerwehr. Heute bin ich Atemschutzgeräteträgerin und unterstütze den Nachwuchs. Meine Mama hat manchmal gelacht und gesagt: „Willst du nicht auch mal etwas machen, was Mädchen machen?“ Das mach ich jetzt als Weinprinzessin. Auch die Pfingstgesellschaft gehört für mich dazu. Solche Bräuche schaffen Gemeinschaft.
