Cordula Goy
Artikel
Wilhelm Heine – Rennfahrer aus Leidenschaft
Immer wieder gibt es Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Dafür muss man sie zunächst ergründen. Das weiß die Gruppe „Archivarbeit des Fördervereins Schloss Hessen e. V.“ sehr genau. Seit einigen Jahren beschäftigen sich die Mitglieder mit der Aufarbeitung der Hessener Vergangenheit.
Hessen ist ein Ortsteil von Osterwieck. Bis 1941 gehörte der Ort zum Freistaat Braunschweig. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag er in der sowjetischen Besatzungszone. Bei ihren Recherchen sind die Mitglieder der Archivgruppe vor einigen Jahren auf eine besondere Geschichte gestoßen, nämlich die des Rennfahrers und Landwirts Wilhelm Heine.
In Hessen erinnert ein großes Grab mit Gedenkstätte an den 1929 verunglückten Rennfahrer. Dieses Grab war jedoch verfallen und in Vergessenheit geraten. Erst als ein Nachkomme vor einigen Jahren das Grundstück, auf dem sich das Grab befindet, der Kommune übertrug, wurde auch die Geschichte Wilhelm Heines aus dem Verborgenen ans Tageslicht geholt.
Cordula Goy
Das Grab Wilhelm Heines vor der Instandsetzung
Cordula Goy
Das Grab Wilhelm Heines nach der Instandsetzung
Ein Leben für Geschwindigkeit
Die Gruppe Archivarbeit rekonstruierte aus historischen Dokumenten wie Zeitungsartikeln oder einem Bericht des ADAC von 1929 ein Porträt von Wilhelm Heine. Hauptberuflich war er Landwirt mit großem Besitz. Er betrieb außerdem eine Werkstatt und gründete eine kleine Maschinenfabrik. Seine Leidenschaft war jedoch das Rennfahren. Dies wurde ihm zum Verhängnis. Am 29. September 1929 verunglückte er mit seinem BMW auf dem Nürburgring beim Training zu einer „ADAC-Langstreckenfahrt für kompressorlose Tourenfahrzeuge über 8 Stunden“.
Das Unglück ereignete sich auf der 450 Meter langen Steilstrecke des Nürburgrings, die eine Steigung von 27 Prozent hat. In der ersten Trainingsrunde schaffte Heine mit seinem BMW die Steigung nicht. Er rollte zurück. Das Auto überschlug sich. Dabei gingen die Frontscheibe und das Lenkrad zu Bruch. Trotz Warnungen und mit kaputtem Lenkrad ging er erneut auf die Strecke. Wieder rollte der Wagen zurück und überschlug sich. Wilhelm Heine konnte noch unter dem Wrack hervorkriechen. Beim Versuch, das Auto wieder aufzurichten, fiel er plötzlich tot um. Er war gerade einmal 44 Jahre alt.
Sein Begräbnis fand unter großer Anteilnahme des Ortes statt. Außerdem erwiesen ihm zahlreiche Mitglieder des herzoglichen Automobilclubs die letzte Ehre. Eine Autokolonne staute sich in den Straßen des Ortes.
Cordula Goy
Kinder legen eine Blühwiese am Grab von Wilhelm Heine an.
Ehrenamtliches Engagement
Mit Unterstützung der Stadt Osterwieck setzte eine Gruppe Ehrenamtlicher dem Verfall des Grabes ein Ende. Sie arbeiteten von 2021 bis 2025. In zahllosen Arbeitsstunden trugen sie eine Feldsteinmauer ab und errichteten sie neu, rekonstruierten eine Sitzgelegenheit, legten Beete an und pflanzten Blumen. Sie bezogen auch zwei Gruppen der örtlichen Kindertagesstätte ein, die mit einem Imker eine Blühwiese anlegten.
Die vor dem Verfall gerettete und mit viel Liebe gepflegte Grabstätte zeigt, was großes ehrenamtlichen Engagement zu schaffen vermag.
Cordula Goy
Hans-Werner Goy, Heiko Matz, Thorsten Mühe, Erhard Müller, Günter Tondera, Rüdiger Weiß und Otto Prössel haben in fast 6.000 Arbeitsstunden eine Feldsteinmauer abgetragen und neu errichtet.
