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Bericht

„Wenn Stoffe sprechen …“ – Ein Workshop zum seltenen Handwerk der Paramentik auf dem Rittergut Schönberg

Themen

Alltagskulturen Fest & Tradition Handwerk & Kunsthandwerk Immaterielles Kulturerbe Jung & Alt Kirche & Friedhof Lebendiges Kulturerbe

Über das seltene Handwerk der Paramentik konnte man am 1. Mai 2026 auf dem Rittergut Schönberg in der Altmark viel Wissenswertes erfahren verschiedene Techniken nachvollziehen und selbst kreativ werden.

Farbige Stoffe sind mehr als Dekoration. Sie vermitteln Stimmungen, Botschaften und Bedeutungen. Dessen wird man sich bewusst, wenn es wieder einmal um die Roben bei den Oscars, das Outfit für die nächste Hochzeit oder den neuen Bezug der Couch im Wohnzimmer geht. Die symbolischen Gehalte von Textilien spielen gerade im religiösen Bereich eine große Rolle. Die Verbindung von Religion und Textilien hat dabei über Jahrhunderte hinweg eigene Traditionen und Handwerkstechniken hervorgebracht. Eine solche besondere Form ist die Paramentik. Als Paramente werden kirchliche Textilien bezeichnet, die etwa vor dem Altar, dem Lesepult oder der Kanzel hängen. Paramentik ist dabei zugleich ein Kunsthandwerk als auch das kunstwissenschaftliche und theologische Verständnis dahinter.

Über dieses seltene Handwerk konnte man am 1. Mai 2026 auf dem Rittergut Schönberg in der Altmark viel Wissenswertes erfahren, selbst bestaunen und verschiedene Techniken nachvollziehen sowie sich dann schließlich selbst kreativ ausprobieren. Dazu luden die Beratungsstelle Alltagskulturen des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt gemeinsam mit The Alliance for Rare Crafts Heritage (The ARCH) ein. Beide Organisationen setzen sich dafür ein, Formen des immateriellen Kulturerbes wie traditionelle Handwerkstechniken in der Region sichtbarer zu machen.

Durch den Tag führte die erfahrene Paramentikerin Gudrun Willenbockel. Sie wurde zu DDR-Zeiten in den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg ausgebildet, einer evangelischen diakonischen Einrichtung, auf deren Gelände auch eine Paramentenwerkstatt der Diakonissen angegliedert war. Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet sie mit großer Leidenschaft in diesem Beruf.

Die Teilnehmenden des Workshops versammelten sich in der Kirche von Schönberg.

In der spätromanischen Kirche sprach Gudrun Willenbockel über Geschichte und Bedeutung von Paramenten. Das grüne Textil am Lesepult, 1954 in einer Magdeburger Werkstatt gefertigt, symbolisiert die Trinität in der christlichen Gottesvorstellung.

Textilien im Kirchenraum

Zunächst versammelten sich die 20 Teilnehmenden auf dem Hof der alten Traktorenwerkstatt des Rittergutes Schönberg. Diesen Raum nutzt The ARCH regelmäßig für vielfältige Angebote rund um Handwerk und Kulturerbe. Nach einer kurzen Einführung ging es gemeinsam zur nahegelegenen, örtlichen Kirche – dorthin, wo Paramente ihren eigentlichen Platz haben. In dem spätromanischen Bau mit seiner hellen, barocken Inneneinrichtung erklärte Gudrun Willenbockel die liturgischen Farben und deren Bedeutung für Paramente:

Violett steht für Besinnung, Umkehr und Trauer wie in der Fastenzeit. Grün für Hoffnung und Wachstum wird vor allem in der Trinitatiszeit aufgehängt. Weiß für Licht und Ewigkeit ist typisch für Ostern und Weihnachten und Rot kennzeichnet das Feuer des Heiligen Geistes, die Leidenschaft und die Kraft zu Pfingsten. Dieser Farbkanon hatte sich etwa im 12. Jahrhundert herausgebildet. Kirchliche Textilien erlebten eine Blütezeit im Mittelalter, vor allem in den Werkstätten der Nonnenklöster. Eine bewusste evangelische Tradition der Paramentik entwickelte sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts im Umfeld der Diakonissenhäuser neu.

Gudrun Willenbockel machte deutlich, dass Paramente immer auch Antworten auf ihre jeweilige Zeit sind. Sie erklärte verschiedene Stilentwürfe des Historismus, feste Bildsymboliken und Schriftformen, die sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelt hatten und schilderte, wie diese nach und nach aufgebrochen, adaptiert und neuinterpretiert wurden. In der Zusammenarbeit von Kirchgemeinden und Paramentenwerkstätten entstehen oft überraschende stoffliche Interpretationen, die zwischen Kirchenraum, Theologie und der jeweiligen Nutzung vermitteln.

Gudrun Willenbockel zeigte Arbeitsproben aus ihrer Werkstatt.

Weitere Beispiele veranschaulichen die Vielfalt von möglichen Techniken und Formen in der Paramentik.

Kerstin Rice von The ARCH (vorn links) und Ortrun Vödisch vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt (vorn rechts) führten durch die Veranstaltung.

Austausch und Einblicke in die Werkstatt einer Paramentikerin

Schon in der Kirche entwickelte sich eine intensive Fragerunde. Teilnehmende berichteten von eigenen Erfahrungen, fragten nach dem Vorgehen der Kunsthandwerkerin bei ihren Aufträgen oder spannten den Bogen zu anderen religiösen Traditionen und deren Nutzung von Textilien. Auch der Mangel an Nachwuchs kam zur Sprache.
Nach einem Spaziergang zurück zum Rittergut boten Freiwillige von The ARCH Kaffee und Kuchen in der alten Traktorenwerkstatt an. Anschließend nahm Gudrun Willenbockel die Gruppe mithilfe zahlreicher Fotografien im übertragenen Sinne mit in ihre Werkstatt. Sie zeigte Arbeiten in Stickerei und auf dem Webstuhl gefertigte Bildteppiche, die den engen Zusammenhang zwischen dem konkreten Kirchenraum und ihren Arbeiten verdeutlichten, zeigte Beispiele für Ganzjahresparamente oder die Aufarbeitung historischer Paramente. Die sogenannten Ganzjahresparamente verbinden die Farben des liturgischen Jahres in einem Textil und reagieren damit auf die Bedürfnisse kleiner werdender Kirchgemeinden. Gudrun Willenbockel findet in ihren Arbeiten starke Symboliken, die hoffnungsvoll christliche Inhalte aufzeigen. Bei der Präsentation der Bilder konnte man viele staunende „Ahhs“ und „Ohhs“ hören. Mitgebracht hatte Gudrun Willenbockel auch originale Paramente aus verschiedenen Zeiten. Dazu kam eine Reihe eigener Exponate unterschiedlicher Materialien, Arbeitsproben zu Altardecken und Stolen sowie farbenprächtige Entwürfe. Einige Teilnehmende hatten ebenfalls eigene Entwürfe oder Handarbeitsprojekte mitgebracht, stellten sie einander vor und tauschten sich darüber lebhaft aus.


Selbst gestalten mit Nadel und Garn
Im dritten Teil des Workshops konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Nadel und Garn selbst kreativ werden und Fadenkarten gestalten. Kerstin Rice ermunterte zum Ausprobieren – vielleicht inspiriert vom zuvor Gehörten oder aus ganz eigenen Ideen heraus entwickelt. Bei herrlichem Sonnenschein kamen die Gäste vom angeregten Gespräch auch noch ins gemeinsame Tun.

Im praktischen Teil des Workshops konnten die Teilnehmenden selbst zu Nadel und Faden greifen.

Es entstanden Postkarten mit farbenfrohen Motiven.