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Wege des Wassers – Warum Flüsse frei fließen müssen

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Sachsen-Anhalt-Journal - „Wege“ (Nr. 3, 2025)

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Themen

Landschaft, Natur & Umwelt Nachhaltigkeit

Flüsse sind die Lebensadern unserer Landschaften. Sie verbinden Ökosysteme, sichern Biodiversität und prägen das natürliche Gleichgewicht unserer Umwelt. Ihre freie Durchgängigkeit ist eine zentrale Voraussetzung für gesunde Gewässer und den Erhalt heimischer Fischarten. Der Landesanglerverband Sachsen-Anhalt e. V. engagiert sich seit vielen Jahren dafür, diese natürlichen Lebensräume zu bewahren und wiederherzustellen.

Die Notwendigkeit frei fließender Flüsse

Frei fließende Flüsse sind Lebensadern unserer Landschaften. Sie prägen Ökosysteme, versorgen Menschen mit Wasser, tragen zur Regulierung des Klimas bei und dienen unzähligen Tier- und Pflanzenarten als Lebensraum. Werden Fließgewässer nicht durch Staudämme oder harte Uferbefestigungen reguliert, entfalten sie ihre eigentlich natürliche Dynamik: Wasserstände variieren je nach Jahreszeit, Sedimente werden stromabwärts getragen. Diese Prozesse sichern langfristig die ökologische Funktionsfähigkeit und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Biodiversität.

Für Fische sind frei fließende Flüsse überlebenswichtig, denn fast alle Fischarten unternehmen im Laufe ihres Lebens Wanderungen, um Laichplätze zu erreichen oder Nahrung zu finden. Von Wanderfischen im eigentlichen Sinn spricht man, wenn im Rahmen der Wanderung ein Wechsel zwischen verschiedenen Lebensräumen stattfindet, beispielsweise der Wechsel zwischen Süß- und Salzwasser. Gerade Langdistanz-Wanderfische wie Lachs, Meerforelle oder Aal benötigen ungehinderte Wanderwege, um ihre Laichplätze zu erreichen. Durch Staustufen und Wehre werden diese Wanderbewegungen oft unterbrochen. Ganze Populationen brechen zusammen, da die Fische Hindernisse nicht überwinden können oder durch Wasserkraftanlagen geschädigt werden. Im Durchschnitt verendet jeder fünfte Fisch beim Passieren einer Wasserkraftanlage. 

Der Landesanglerverband Sachsen-Anhalt e. V. vertritt Anglerinnen und Angler landesweit. In ihm sind über 100 Vereine mit 47.000 Mitgliedern organisiert.

Die freie Durchgängigkeit eines Flusses ist nicht nur für den Weg der Fische entscheidend, sondern auch für den genetischen Austausch zwischen Populationen. Werden Flüsse fragmentiert, isolieren sich Bestände, was die genetische Vielfalt reduziert und somit die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten oder Umweltveränderungen schwächt. Außerdem sorgen frei fließende Flüsse für eine natürliche Sediment- und Nährstoffverteilung, die Laichplätze sauber und funktionsfähig hält.
Frei fließende Flüsse bieten zudem wichtigen Hochwasserschutz. In ihrer natürlichen Gestalt können sie Überschwemmungsflächen nutzen, um hohe Wassermengen aufzunehmen und so Schäden an Siedlungen zu vermindern. Wird der Fluss stark begradigt, eingedeicht oder gestaut, verliert er diese Pufferfunktion. Es kommt häufiger und heftiger zu Hochwasser. 

Die Bedeutung unserer Fließgewässer wurde auch auf europäischer Ebene erkannt. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), seit 2000 in Kraft, ist ein zentrales Instrument für den Schutz und die nachhaltige Nutzung unserer Gewässer. Ihr Ziel ist es, bis spätestens 2027 für alle Oberflächengewässer und Grundwasser einen „guten ökologischen Zustand“ zu erreichen. Frei fließende Flüsse stehen dabei im Fokus, da ökologische Durchgängigkeit und naturnahe Flussstrukturen als zentrale Kriterien gelten.
Die WRRL verpflichtet die EU-Mitgliedstaaten nicht nur zur Verbesserung der Wasserqualität, sondern auch zum Beseitigen physischer Barrieren. Dazu gehören der Rückbau unnötiger Wehre und die Schaffung von Auf- und Abstiegsanlagen für Fische, um die ökologische Durchgängigkeit wiederherzustellen. Der Grund ist einfach: Ohne freie Durchströmung kann kein Fluss einen guten ökologischen Zustand erreichen, egal wie sauber das Wasser ist. 

Für Fische und andere Gewässerorganismen ist die Umsetzung der WRRL eine entscheidende Überlebensfrage. Trotz vieler Bemühungen zeichnet sich in unserem Bundesland leider ein trauriges Bild: In Sachsen-Anhalt erreichten 2020 lediglich vier Prozent aller Oberflächengewässer die Vorgaben für den guten ökologischen Zustand.

Die Angler-Vereine leisten einen wichtigen Beitrag zum Gewässer und Naturschutz, beispielsweise indem sie durch Fischbesatz die ökologische Stabilität fördern.

Wanderfischprogramm von Sachsen-Anhalt


Das Wanderfischprogramm von Sachsen-Anhalt zielt darauf ab, ehemals heimische Wanderfischarten wie Lachs und Meerforelle in den Flusssystemen des Landes wieder anzusiedeln und auf lange Sicht sogar angelfischereilich nutzbar zu machen. Historisch gelten diese Fischarten als heimisch, ihre Bestände sind aufgrund von Wasserverschmutzung und baulichen Hindernissen in den Gewässern jedoch verloren gegangen. Dank verbesserter Wasserqualität und dem Bau von Fischaufstiegsanlagen könnten diese Arten inzwischen wieder ihre Laichgebiete erreichen. Auf Grundlage einer Studie des Instituts für Binnenfischerei Potsdam-Sacrow (IfB) aus dem Jahr 2007 werden seit 2009 daher gezielte Besatzmaßnahmen durchgeführt, insbesondere in der Nuthe und seit 2012 auch in der Jeetze.

Erste Erfolge des Wiederansiedlungsprogramms zeigen sich in der nachweisbaren Rückkehr von Laichfischen sowie in der natürlichen Reproduktion. Zum Nachweis der Laichfische wurden durch das IfB zwei unterschiedliche Methoden angewandt. Im Jeetze-System erfolgt unterhalb von Wanderhindernissen ein gezielter Fang, um zurückkehrende Individuen einerseits zu erfassen und andererseits oberhalb der Barrieren wieder auszusetzen. Befinden sich unüberwindbare Wanderhindernisse auf den Wanderwegen der Fische, ist diese unterstützende Maßnahme für den Erfolg des Wiederansiedlungsprogramms unverzichtbar.

Im Nuthe-System ist ein solcher Eingriff hingegen nicht mehr erforderlich. Hier werden aufsteigende Laichfische mithilfe von Unterwasserkameras erfasst und ausgewertet. Zusätzliche Kameras sind in der Salzwedeler Dumme installiert.

Die Aufstiegssaison des Jahres 2024 wurde vom IfB als überdurchschnittlich eingestuft: In der Nuthe konnten 50 aufsteigende Großsalmoniden (Lachs und Meerforelle) nachgewiesen werden; im Jeetze-System wurden 37 aufsteigende Meerforellen registriert.

Schon mit dem Startschuss des Projektes war geplant, auch das Bode-System perspektivisch in die Umsetzung des Wanderfischprogrammes einzubeziehen. In der Vergangenheit waren die Aussichten auf eine mögliche Passierbarkeit aller Wanderbarrieren jedoch wenig konkret, weshalb sich die Einbeziehung der Bode in das Wanderfischprogramm weiter verzögerte. In den letzten Monaten zeichnete sich jedoch eine positive Entwicklung ab. Maßgeblich hierfür war, dass der Landesanglerverband in Zusammenarbeit mit seinen Vereinen in Zerbst und Salzwedel Bereitschaft zeigte, die Wanderfischprogramme an Jeetze und Nuthe vom IfB zu übernehmen. 

Im Rahmen des Wanderfischprogramms von Sachsen-Anhalt wurden im Oktober Lachse in der Nuthe besetzt.


Die Bedeutung der Bode für eine erfolgreiche Wiederansiedlung von Lachs und Meerforelle wird durch einen Blick auf die möglichen Habitate im Einzugsgebiet deutlich. Allein die Bode bietet rund 30 Hektar Fläche, welche als Laichhabitat zur Verfügung stünde. Ein Vergleich mit den Angeboten in der Nuthe (zwei Hektar), der Jeetze (drei Hektar) oder auch in Gewässern unserer Nachbarbundesländern Brandenburg (elf Hektar) und Sachsen (20 Hektar) offenbart einerseits die einzigartige Rolle des Bode-Systems und andererseits den enormen Aufwand dieser bevorstehenden Aufgabe.

Wir, unsere Vereine und deren ehrenamtliche Helferinnen und Helfer werden durch das IfB fachlich und technisch auf die Fortsetzung des Programmes vorbereitet. Die Koordination erfolgt zukünftig durch den Fischereiberater des Landes Sachsen-Anhalt. Das Nuthe-System wird betreut durch den AV Zerbst; das Jeetze-System durch den ASV Salzwedel, beide Mitglieder unseres Verbandes.

Im Rahmen dieser Übertragung von Verantwortung werden unser Verband und unsere Vereine viele Tätigkeiten des IfB übernehmen. Wir werden zukünftig den Besatz der Wanderfische vorbereiten und durchführen. Auch das Monitoring wird durch unseren Verband erfolgen: Wir erfassen Aufsteiger, kartieren Laichgruben und sammeln alle Daten, sodass eine kontinuierliche Auswertung stattfinden kann.