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Vom Dyk bis zum Sidenbüdel

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Sachsen-Anhalt-Journal - „Wege“ (Nr. 3, 2025)

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Themen

Denkmal & Baukultur Geschichte Heimatforschung & Ortschronik Mundarten Niederdeutsch

Niederdeutsche Spuren in den Straßennamen Stendals

Die Hansestadt Stendal liegt im Norden Sachsen-Anhalts und bildet das kulturelle, wirtschaftliche und administrative Zentrum der Altmark. Dialektgeografisch liegt Stendal nördlich der Benrather Linie im ostniederdeutschen, genauer im nordmärkischen Gebiet. Trotz langer Stadtgeschichte fehlen umfassende sprachgeschichtliche Analysen. Die Überlieferung ist bruchstückhaft und schwer zugänglich. In der Fachliteratur ist von einer „chaotischen Überlieferungssituation“ die Rede. Diese chaotische Situation ist durch Kriege, Brände und administrative Entwicklungen bedingt. Die Herkunft des Stadtnamens verweist auf altsächsische Wurzeln: stên („Stein“) und dal („Tal/Grube“) deuten auf eine Siedlung im steinigen Tiefland.

In Stendal erinnern insbesondere die Straßennamen an das Niederdeutsche:

Die heutige Deichstraße ist erstmals 1567 als „Auf dem Dyk„, später als „Auf dem Diek“ belegt. Das niederdeutsche „dîk“ bedeutet „Deich“ oder „Wall“ und verweist auf eine heute verschwundene Befestigungsanlage an der nördlichen Grenze des Burgbezirks. Zugleich deutet die Nähe zu den Uchte-Niederungen auf wasserbauliche Zusammenhänge hin. Der Straßenname lässt sich also mit natürlichen, lokalen Begebenheiten in Verbindung bringen.

Der Name Hoock, ursprünglich „Ante hukum„, lässt sich in zweifacher Weise erklären: Zum einen verweist „hôk/huk“ auf einen „Winkel“ oder eine „Ecke“ und beschreibt damit die verwinkelte Straßenführung, zum anderen erinnert „hoke/haak“ an den niederdeutschen „Krämer“ oder „Kleinhändler“. Tatsächlich war die Straße über Jahrhunderte Sitz von Höker-, Gast- und Handwerksbetrieben. Zwischenzeitliche Umbenennungen wie „Im Brüsewinkel“ spiegeln soziale Zuschreibungen wider: In diesem Teil der Straße befanden sich einst Frauenhäuser. Die Erinnerung an diese Einrichtungen wurde im 19. Jahrhundert durch administrative Tilgung bewusst überdeckt.

Auch der Mönchenstab, 1623 erstmals erwähnt, zeigt niederdeutsche Wurzeln. Varianten wie „Mönnichenstapp“ belegen die Verbindung zu „monnik“ („Mönch“) und „stappen“ („stapfen“). Der Name bezieht sich vermutlich auf Prozessionen von Mönchen, die durch diese Gasse zur Jacobikirche zogen; das Kopfsteinpflaster verstärkte den Eindruck des Stapfens. Die heutige hochdeutsche Form „-stab“ ist eine spätere Angleichung, die den ursprünglichen Bedeutungsgehalt jedoch bewahrt.

Die Rohrstraße, im späten 15. Jahrhundert als „Rorstrate“ dokumentiert, setzt sich aus „rôr“ („Schilf“) und „strate“ („Straße“) zusammen. Sie verweist auf die sumpfige Topografie zwischen Dorf und Markt, wo Schilf und Binsen wuchsen. Hier waren feuerverarbeitende Gewerbe wie Münzmeister ansässig waren, die für ihre Arbeit Wassernähe benötigten. Schlackefunde und Gewässernähe unterstreichen den lokalen Bezug. Die früh erfolgte Angleichung an die hochdeutsche „Rohrstraße“ änderte weder Klang noch Bedeutung.


Schließlich trägt auch der Name Sidenbüdel, seit 1478 belegt (Sydenbydell), deutliche niederdeutsche Spuren: Er kann sich auf die topografische Lage in einem tiefergelegenen Gelände beziehen (sît/side = „niedrig“; bodel/budel = „Haus, Besitz“), auf eine Wohnstätte der Scharfrichter (bodel = „Scharfrichter“) oder auf einen Flurnamen, der von budel = „Beutel“ im Sinne einer parzellenförmigen Geländestruktur abgeleitet ist. Nach mehreren Umbenennungen, unter anderem in „Scharfrichterstraße“ und „Mittelstraße“, wurde 1937 die alte niederdeutsche Bezeichnung „Sidenbüdel“ wieder eingeführt.

Insgesamt zeigen die Stendaler Straßennamen, dass Sprache, Raum und Erinnerung eng miteinander verflochten sind. Sie bilden ein lebendiges Archiv niederdeutscher Sprachgeschichte, das bis heute im Stadtbild fortlebt und die historische Identität Stendals prägt.