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Artikel

Vom Betroffenen zum Zeitzeugen – Lebensweg mit Perspektivwechsel

Ausgabe

Sachsen-Anhalt-Journal - „Wege“ (Nr. 3, 2025)

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Themen

Bildung & Vermittlung Erinnerungskultur Geschichte

Zeitzeugenclub und Zeitzeugenwerkstatt beim Aufarbeitungsbeauftragten als Wege aus der Ohnmacht

Das Ende der SED-Diktatur liegt gut 35 Jahre zurück. Viele Menschen waren betroffen von Verfolgung und Repression, Ausgrenzung und Diskriminierung. Neben der rechtlichen Wiedergutmachung und der historischen Aufarbeitung ist das Sprechen über das Unrecht für die betroffenen Menschen wichtig. Dieses Sprechen erfordert Mut und einen Raum unter Anderen, die zuhören. Oft geht diesem Sprechen ein langes Schweigen voraus, manches bleibt unaussprechlich. Es geht um politische Haft, Zersetzung, Verrat und Schuld, es geht um Schmerz, der bis heute anhält und für Andere unsichtbar bleibt, es geht um die Erfahrung mit diesem Schicksal dauerhaft leben zu müssen, kurz: das Schweigen folgt aus der Erfahrung von Ohnmacht. Viele Betroffene haben zudem erlebt, Unrecht und Folgeschäden in langwierigen Rehabilitierungsverfahren beweisen zu müssen, andere, dass Unrechtserfahrungen in Gesprächen nicht verstanden, manchmal auch nicht geglaubt werden.
 
Was bedeutet es für Menschen diesem Schicksal nicht entfliehen zu können? Wie kann man Betroffene begleiten einen Weg aus der Ohnmacht zu finden?
 
Schweigen heißt unsichtbar sein. Wenn etwas unsichtbar ist, ist es in der Realität faktisch nicht da. Es gibt Betroffene, die ihrer eigenen Erinnerung nicht mehr trauen. „Ist es wahr, was ich erlebt habe?“, fragen sie sich; „Sie glauben mir nicht, was ich erlebt habe, es ist absurd,“ sagen sie anderen. Der Zeitzeugenclub beim Aufarbeitungsbeauftragten bietet seit 2023 monatlich den Raum, um Worte zu finden für das Unaussprechliche. Mit dem Sprechen wird dann etwas sichtbar, denn Sprechen heißt handeln, sprechen heißt sehen und gesehen werden. Es ist ein Weg von der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit.

Seit zwei Jahren treffen sich in der Zeitzeugenwerkstatt Betroffene, um die sichtbar werdenden Worte und Erinnerungen zusammenzutragen. Zu Beginn waren es Bilder, Schlagworte, Überschriften, Gedichte, später kamen – in gemeinsamer Auseinandersetzung mit Kunst, Musik und Philosophie – Ortsbeschreibungen, Foto-, Audio-, und Aktenmaterial dazu, bevor längere Texte, Briefe und Dialoge entstanden. In einem gemeinsamen erzählenden Sammeln wurde das Material auf eine „Storytelling-Homepage“ gestellt, die ab 2026 über die Internetseite des Aufarbeitungsbeauftragten zugänglich sein soll. Eine wichtige Frage tauchte dabei immer wieder auf und kann als professionelle Kompetenz des Zeitzeugen beschrieben werden: Was kann wie und wem in welcher Situation angemessen erzählt werden, damit es gut verstanden wird und nicht verstörend auf mich oder andere wirkt?
 
Mit Anderen die eigene Geschichte erzählend wieder zusammenzusetzen, schafft Integrität, ist eine Rückversicherung auf etwas, das nicht mehr klar und zusammenhängend war und bettet die eigene Geschichte in einen größeren Zusammenhang. Es ist ein machtvolles Handeln. Die Begleitung der Menschen auf dem Weg vom Betroffenen zum Zeitzeugen kann keine Wiedergutmachung für erfahrenes Unrecht sein, aber sie kann ermächtigen und neben der individuellen auch eine Bereicherung für den gesellschaftlichen Aufarbeitungsdiskurs sein. Mit wertvollen Zeitzeugen als Botschaftern für das konstruktive Gespräch.

Die künstlerischen Arbeiten aus der Zeitzeugenwerkstatt werden 2026 in einer Online-Ausstellung über die Internetseite des Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zu sehen sein. Kontakt: info@lza.lt.sachsen-anhalt.de

Zeitzeugenclub und Zeitzeugenwerkstatt beim Aufarbeitungsbeauftragten finden als psychosoziale Angebote in einer Kooperation mit der Universitätsklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Magdeburg statt.