LASA, U 21 II 1, Nr. 329.
Artikel
Urkunden, Amtsbücher, Akten – Online-Recherche der älteren Überlieferung zur Altmark im Landesarchiv Sachsen-Anhalt
In den Magazinen des Landesarchivs Sachsen-Anhalt werden tausende Urkunden, Amtsbücher und Akten aufbewahrt, welche die Geschichte der Altmark seit dem 12. Jahrhundert dokumentieren.
Erschließung
Um eine Recherche zu ermöglichen, werden Archivalien erschlossen. Dies bedeutet, dass die Dokumente zunächst geordnet und in einer nachvollziehbaren Gliederung strukturiert werden. Anschließend wird jedes Archivale einzeln verzeichnet und durch eine Signatur findbar gemacht.
Das Landesarchiv Sachsen-Anhalt hat nun die Retrokonversion der vorpreußischen Altmark-Bestände abgeschlossen. Somit können Regional- und Familienforschende sowie alle historisch Interessierten bequem online in der Archivdatenbank nach Quellen zu ihrem Forschungsthema recherchieren.
Retrokonversion
Die Übertragung der alten Findbücher in die Datenbank wird als Retrokonversion bezeichnet. Diese Tätigkeit ist meist mit einer umfangreichen Überprüfung und Überarbeitung der Findinformationen verbunden.
Findbücher
Die Erschließungsinformationen wurden früher handschriftlich in Findbüchern zusammengefasst, die im Lesesaal des Archivs eingesehen werden können.
Archivdatenbank
Im digitalen Zeitalter verwaltet das Landesarchiv seine Archivalien mit einer Datenbank, die auch den Forschenden zur Online-Recherche zur Verfügung steht. (https://recherche.landesarchiv.sachsen-anhalt.de/query/suchinfo.aspx).
Vom Suchen und Finden
Vor dem Besuch des Archivlesesaals, in dem die historischen Dokumente meist im Original vorgelegt werden, steht der Arbeitsschritt der Recherche. Dabei kann die Suche nach Quellen zur Geschichte der Altmark manchmal detektivische Züge annehmen. Territoriale Veränderungen, wie die Abtretung der Altmark nach den napoleonischen Kriegen und die Zuordnung der Region zur Preußischen Provinz Sachsen, führten zu wechselnden Zuständigkeiten auch für die Archivbestände. Dadurch verwahren heute nicht nur das Landesarchiv Sachsen-Anhalt, sondern auch das Brandenburgische Landeshauptarchiv, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin sowie die Kommunal- und Kirchenarchive historische Unterlagen zur Geschichte der Altmark. Dies stellt die Forschung immer wieder vor besondere Herausforderungen, denen jedoch mit einem Grundverständnis für die Geschichte der Region und ihrer Quellen begegnet werden kann.
Die Überlieferung zur Geschichte der Altmark bis zur Gründung des Königreichs Westphalen ist im Landesarchiv Sachsen-Anhalt in die drei Hauptarchivaliengruppen „Urkunden – Amtsbücher – Akten“
untergliedert (Abb. 1).
Screenshot Archivdatenbank
Abb. 1
Position der vorpreußischen Altmarkbestände in der Tektonik des Landesarchivs Sachsen-Anhalt.
Urkunden
Die Bestandsgruppe U 21 umfasst ca. 2.400 Urkunden, die Belehnungen, Schenkungen, Privilege und andere rechtsverbindliche Handlungen aus über 700 Jahren altmärkischer Geschichte dokumentieren. Wer mit der altmärkischen Urkundenüberlieferung forscht, sollte jedoch wissen, dass ein Großteil dieser Urkunden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Geheimen Staatsarchiv in Berlin verwahrt und erst seit den 1920er Jahren nach Magdeburg abgegeben wurde. Dies macht die Arbeit für Forschende gelegentlich schwierig, da in frühen Publikationen Urkunden mit Signaturen und Aufbewahrungsorten zitiert werden, die nicht mehr aktuell sind. Heute strukturiert sich die Bestandsgruppe U 21 in 24 Einzelbestände, die wiederum in fünf logische Gruppen (U 21 I Altmark Allgemein, U 21 II Geistliche Institutionen, U 21 III Städte und U 21 IV Orte sowie U 21 V Familien der Altmark) eingeteilt sind (Abb. 3).
LASA, U 21 II 1, Nr. 329.
Abb. 3
Papsturkunde von 1424 zum Neubau der Nikolaikirche in Stendal.
Amtsbücher
Im altmärkischen Teil der Bestandsgruppe Amtsbücher finden sich vor allem Kopiare der aufgelösten Klöster der Altmark. Die übrigen Amtsbücher, zu denen unter anderem Rechnungsbücher, Handelsbücher, Grund- und Hypothekenbücher zu zählen sind, sind wiederum den Aktenbeständen zugeordnet.
Akten
Die Gliederung der Aktenüberlieferung der Altmark im Landesarchiv Sachsen-Anhalt orientiert sich an den Provenienzen, also den aktenproduzierenden Institutionen. Sie teilt sich in die Bestände der Ober- und Mittelbehörden und der lokalen Verwaltungs- und Gerichtsbehörden. Im Regelfall bilden diese Bestände zusammen eine korrespondierende und sich ergänzende Überlieferung (Abb. 2).
Für die Altmark muss jedoch beachtet werden, dass aufgrund der wechselnden territorialen Zugehörigkeit der Region die Überlieferungen der für die Altmark zuständigen Oberbehörden vor 1806 zum Großteil im Brandenburgischen Landeshauptarchiv zu finden sind. Nur die Unterlagen von zwei oberen bzw. mittleren Behörden befinden sich im Landesarchiv Sachsen-Anhalt. Bei diesen handelt es sich um das in der Zeit der französischen Besetzungen errichtete „Kriegssteuer-Realisierungskomitee für die Altmark“ (Bestandssignatur A 23e) sowie das „Altmärkische Obergericht zu Stendal“ (Bestandssignatur A 23g), das faszinierende Quellen zur Rechtsprechung vom späten 14. bis frühen 19. Jahrhundert beinhaltet (Abb. 4).
Screenshot Archivdatenbank
Abb. 2
Gliederung der vorpreußischen Aktenbestände der Altmark in der Tektonik des Landesarchivs Sachsen-Anhalt.
LASA, A 23g, Nr. 734, Bl. 1r.
Abb. 4
Auszug aus der Akte zum Nachweis der Schweineschneider in der Altmark 1667 bis 1716.
Für die Regional- und Familienforschung sind vor allem die Bestände der lokalen Verwaltungs- und Gerichtsbehörden von unschätzbarem Wert, da sie unerwartete Einblicke in den Alltag der Menschen in der Frühen Neuzeit bieten. Dazu gehören die Stadt- und Patrimonialgerichte sowie die Überlieferung der landesherrlichen Ämter der Altmark. Letztere reichen oft bis ins frühe 16. Jahrhundert zurück, da sie häufig aus säkularisierten Klöstern hervorgingen. Aus den Aufgaben der Ämter lässt sich die inhaltliche Vielfalt der Archivalien herauslesen. In den Ämterbeständen finden sich sowohl Amtsbücher, wie z. B. Grund- und Hypothekenbücher, Erbregister, Rechnungs- und Handelsbücher, als auch teils sehr ins Detail gehende Akten zu verschiedensten lokalen Themen: Holz-, Jagd- und Hütungssachen, Wasser-, Wege- und Brückenbau; Bierbrau- und Schankrechte sind nur eine Auswahl der vielfältigen Themen, die in den Akten behandelt werden. Da die Ämter nicht nur die landesherrlichen Güter ökonomisch verwalteten, sondern auch die lokale Gerichtsbarkeit wahrnahmen, finden sich zudem zahlreiche Akten über alle möglichen Streitigkeiten, die intensive Einblicke in die ländliche Lebens- und Arbeitswelt der Altmark geben (Abb. 8).
Auch die Patrimonialgerichte als Gerichte der adeligen Grundherren übten die Ober- und Niedergerichtsbarkeit über die ihnen unterstellten Dörfer aus. Insgesamt sind 89altmärkische Patrimonialgerichte unter der Bestandssignatur Dc im Landesarchiv Sachsen-Anhalt überliefert. Mit der Neustrukturierung der Verwaltung und Gerichtsbarkeit der Altmark als Teil des Königreichs Westphalen wurden diese 1809 aufgelöst. Das Schriftgut der Patrimonialgerichte wurde daher von den Gutsherren an die jeweils nachfolgenden Gerichtsbehörden abgeben. Die Herauslösung der Patrimonialgerichtsakten aus dem Gesamtschriftgut eines Gutes erfolgte jedoch nicht immer konsequent. Somit findet sich heute oft nur ein Bruchteil der Gesamtüberlieferung eines Patrimonialgerichts in dem jeweiligen Dc-Bestand. Bei der Recherche sollten daher auch die altmärkischen Gutsarchive berücksichtigt werden, die im Landesarchiv Sachsen-Anhalt am Standort Wernigerode verwahrt werden (Abb. 8).
LASA, Da 66, Nr. 708, unfol.
Abb. 8
Sitzplan für die Kirche in Neuendorf um 1736.
LASA, Da 66, Nr. 630, unfol.
Abb. 6
Pachtvertrag rechtselbischer Grundstücke des Amts Tangermünde 1816.
In der Frühen Neuzeit unterhielten die altmärkischen Städte Arendsee, Arneburg, Gardelegen, Osterburg, Salzwedel, Seehausen, Stendal, Tangermünde und Werben eigene Stadtgerichte, deren Unterlagen ebenfalls im Landesarchiv Sachsen-Anhalt als Bestandsgruppe Db überliefert sind. Je nach Überlieferungssituation sind für manche Städte etliche Grund- und Hypothekenbücher, Erbkauf- und Verpfändungsbücher, Ingrossations- und Handelsbücher sowie zahlreiche Testamente vorhanden, während für andere Städte nur noch ein oder zwei Akten existieren. Eine Besonderheit bietet die Stadt Stendal mit ihren Kolonien der Waldenser, Franzosen und Pfälzer. Diese siedelten sich als Glaubensflüchtlinge im späten 17. Jahrhundert an und besaßen eigene Gerichte, von denen insbesondere Hypothekenbücher und Testamente im Landesarchiv Sachsen-Anhalt überliefert sind. Bei der Suche nach städtischen oder kommunalen Quellen jenseits des Gerichtswesens sollten Forschende auch die Überlieferung der Kommunalarchive im Landesarchiv Sachsen-Anhalt (E-Bestände) und natürlich auch die Stadtarchive der Altmark in ihre Recherche einbeziehen.
Aktenüberlieferung zur Altmark im Königreich Westphalen
Nach den napoleonischen Kriegen wurde die Altmark dem Königreich Westphalen zugeschlagen, was mit tiefgreifenden politischen und sozialen Veränderungen einherging. Die neue Verwaltungsstruktur ab 1807 spiegelt sich auch in der heutigen Ordnung der Bestände des Landesarchivs Sachsen-Anhalt unter dem Tektonikpunkt „Königreich Westphalen und Französische Verwaltung von Erfurt“ wider (Abb. 5).
Nach französischem Vorbild wurde eine administrative Struktur in Departements, Distrikte, Kantone und Munizipalitäten eingeführt. Die Altmark wurde zusammen mit dem linkselbischen Teil des Herzogtums Magdeburg dem Elbdepartement zugeteilt. Dieses wiederum war in die Distrikte Magdeburg, Neuhaldensleben, Stendal und Salzwedel untergliedert. Für die Forschung zur Altmark ist anzumerken, dass die Überlieferungen der Zentralbehörden des Königreiches Westphalen heute im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin verwahrt werden.
Das Schriftgut der mittleren und unteren Verwaltungsorgane befindet sich dagegen im Landesarchiv Sachsen-Anhalt am Standort Magdeburg. Dabei existieren für die Behörden und Gerichte jeweils eigene Bestände. Auf lokaler Ebene sind für die Altmark die Überlieferungen der beiden Unterpräfekturen Stendal (Bc 19c) und Salzwedel (Bc 19d) relevant, die das Schriftgut dieser Distrikte enthalten. Die Gerichtsbehörden des Elbdepartements bilden den eigenen Bestand B 25 IImit der Überlieferung des Kriminalgerichtshofs zu Magdeburg als dem für das Elbdepartement zuständige Geschworenengericht für Strafsachen. Zudem existierte in jedem Distrikt ein Ziviltribunal (Zivilgericht), vor dem alle persönlichen, dinglichen und gemischten Klagen verhandelt wurden (Abb. 7).
Screenshot Archivdatenbank
Abb. 5
Position der Bestände des Königreichs Westphalen in der Tektonik des Landesarchivs Sachsen-Anhalt.
LASA, B 25 II, Nr. 77a, unfol.
Abb. 7
Schreiben an den Friedensrichter Oelze zu Stendal vom 15. August 1813.
Eine Besonderheit der Zeit sind die Friedensgerichte als unterste richterliche Instanzen, die es auch in den Kantonen der altmärkischen Distrikte Salzwedel und Stendal gab. Die Friedensrichter waren unter anderem für Schadensersatzklagen, Besitzstandsklagen, Beleidigungen, Vormundschaftsbestellungen sowie Voruntersuchungen in Kriminalangelegenheiten zuständig und bieten einen spannenden Einblick in die Alltagsgeschichte der Zeit.
Trotz aller territorialen und sozialen Wandlungen haben sich tausende historische Quellen erhalten, welche die spannende Geschichte der Altmark seit dem Mittelalter dokumentieren. Auch in den Magazinen des Landesarchivs Sachsen-Anhalt warten noch etliche Quellenschätze darauf, dass sie mithilfe der Online-Recherche gefunden und ihre Geschichten durch engagierte Forschende erzählt werden.
Workshops zur Online-Recherche
Das Landesarchiv Sachsen-Anhalt bietet für Geschichtsvereine und Heimatforschende auf Anfrage Workshops zur Online-Recherche sowie Führungen durch das Landesarchiv, Abteilung Magdeburg an. (Mindestteilnehmendenzahl 6 Personen), Kontakt: poststelle-lasa@sachsen-anhalt.de
Dr. Riccarda Henkel
ist Historikerin und wissenschaftliche Archivarin am Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg. Sie ist für die ältere Überlieferung des Erzbistums/Herzogtums Magdeburg sowie der Altmark zuständig. ⇆ poststelle-lasa@sachsen-anhalt.de
