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Artikel

Seltenen Handwerken auf der Spur

Ausgabe

Sachsen-Anhalt-Journal - „Wege“ (Nr. 3, 2025)

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Themen

Alltagskulturen Fest & Tradition Geschichte Handwerk & Kunsthandwerk Immaterielles Kulturerbe

Die zivilgesellschaftliche Organisation ARCH (Alliance of Rare Crafts Heritage) widmet sich seltenen Handwerken. Um diese zu erhalten und zu fördern, schlägt die ARCH Brücken zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, zwischen der Region und der Welt und zwischen Kulturen.

Die ARCH entstand 2024, als vier Gründungsmitglieder aus dem Vereinigten Königreich, Belgien, Kanada und Deutschland zusammenkamen, um Ideen zum Erhalt seltener Handwerksfähigkeiten für zukünftige Generationen auszutauschen. Die ARCH ist ein globales Netzwerk aus Expertinnen und Experten sowie spezialisierten Organisationen, die das Vermächtnis von im Kulturerbe verwurzelten Handwerken in ihren lokalen Kulturen für die Zukunft sichern.  Zur ehrenamtlichen Steuerungsgruppe gehört Dr. Ritu Sethi aus Indien, Gründerin des Craft Revival Trust mit Expertise in Textil- und Handwerksgeschichte. Teil der Gruppe ist ebenso die renommierte Silberschmiedin und Juwelierin Alice Fry aus England. Sie richtet ihren Fokus auf zeitgenössisches Handwerk. Zu seltenen Handwerken gehören auch das Schnitzen und Vergolden. Diesen Techniken widmet sich beispielsweise Clunie Fretton, eine klassisch ausgebildete Bildhauerin aus Großbritannien.

Freude und Spiele zur Werkstatt der lebendigen Traditionen

Sticktücherausstellung mit Ausstellungsstücken aus der Dorfgemeinschaft

Vor Ort in der Altmark

Die ARCH wird ehrenamtlich geführt und hat seinen Sitz auf dem Rittergut Schönberg in der Altmark. Ländliche Regionen wie die Altmark sind von Kulturformen geprägt, die über Generationen weitergegeben wurden: von Mundartdichtung in Plattdeutsch über handwerkliche Fertigkeiten wie Seildrehen bis hin zu Spielen und Rezepten, die die regionale Identität spiegeln. Die Studie einer Bremer Universität zeigt jedoch, dass gerade in der Altmark Formen der Heimatpflege verschwinden.

ARCH möchte diesem Trend entgegenwirken, Beteiligung stärken und ehrenamtliches Engagement in den Vordergrund stellen. In der Altmark, einer ländlichen und strukturschwachen Region, bietet die ARCH Programme an, um Kinder für Handwerke zu begeistern. Hierzu gehören Workshops zu Techniken wie Holzbearbeitung oder Weben. Dafür werden Naturmaterialien aus der Umgebung genutzt. Auf diese Weise fördert die ARCH eine vielfältige Gemeinschaft, getragen von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus dem Dorf. Seniorinnen und Senioren geben ihre Fertigkeiten weiter. Eltern und Freiwillige lassen sich begeistern. Die Stärkung der Gemeinschaft kann dazu beitragen, Menschen in der Region zu halten und Abwanderung entgegenzuwirken.

Spiel Spaß und ein Stricklieselwettbewerb

Generationsübergreifendes Handwerken

Werkstatt der lebendigen Traditionen

Ein Höhepunkt im Kalender von The ARCH war in diesem Jahr die „Werkstatt der lebendigen Traditionen“ am 18. Oktober 2025 auf dem Rittergut Schönberg. Sie wurde in Kooperation mit dem Landesheimatbund Sachsen-Anhalt und dem Kreismuseum Osterburg organisiert. Auf dem Rittergut Schönberg konnten Besucherinnen und Besucher traditionelle Handwerkstechniken testen, alte Spiele ausprobieren und regionale Küche genießen.

Gemeinsam mit Seiler Detlef Preetz drehten die Gäste ein Reep, das sich als Springseil gleich einsetzen ließ. Seniorinnen aus dem Ort stickten mit Kindern. Traditionelle Holzpantoffeln, die früher täglich in der Region getragen wurden, waren Teil eines „Aschenbrödel von Schönberg“-Wettbewerbs. Spiele wie Fingertwist, Sackhüpfen oder ein Strickliesel-Wettbewerb sorgten für Freude bei Jung und Alt. Eine Ausstellung historischer Sticktücher aus dem Bestand des Kreismuseums Osterburg wurde durch private Beiträge ergänzt: Eine Besucherin zeigte die Stickschablonen ihrer verstorbenen Schwiegermutter. Außerdem bereitete die Freiwillige Feuerwehr Schönberg frische regionaltypische Kartoffelpuffer mit Zucker und Zimt zu. In der Druckwerkstatt gab es die Möglichkeit, Motive wie Fachwerkhäuser oder Hanseschiffe auf Postkarten zu drucken und mit Stempeln und Farben weiter zu gestalten – regionale Geschichte neu interpretiert.

Schließlich konnten die Gäste einer musikalischen Lesung mit eigenen Texten der Altmärker Autoren, zum Teil in Altmark-Platt, lauschen. Besonders beeindruckend war Lothar (83), der über Jahrzehnte Schulleiter an der Schule in Schönberg war und Anekdoten zur Geschichte des Ortes zum Besten gab. Das Team von Freiwilligen – alle aus dem Herzen der Dorfgemeinschaft – sorgte für den reibungslosen Ablauf.

Die Resonanz war sehr groß, etwa 60 Gäste und Teilnehmende kamen zum Rittergut Schönberg. Das positive Echo auf die Veranstaltung spiegelt sich in den Gästebucheinträge wider: „Schön(berg), dass es euch gibt. Danke für die Einladung und euer Engagement“ oder „Vielen Dank für das schöne Zusammensein von Menschen, Traditionen und Herzlichkeit!“ Dieser Tag hat gezeigt: So bleibt ländliches Erbe lebendig.

Gemeinsames Seiledrehen mit Detlef Preetz