Zum Hauptinhalt springen

Artikel

Lebendige Geschichte – gelebte Tradition. Das Engagement der „Heimatinteressierten“ aus Dähre und Umgebung im Freilichtmuseum Diesdorf

Ausgabe

Konnex - „Zeitschrift für Regional- und Heimatforschung Sachsen-Anhalt“ (Nr. 3, 2026)

Ausgabe kaufen

Themen

Alltagskulturen Bildung & Vermittlung Dorfmitte & Soziokultur Fest & Tradition Geschichte Handwerk & Kunsthandwerk Heimatforschung & Ortschronik Heimatstube & -museum Immaterielles Kulturerbe Jung & Alt Kunst & Musik Landschaft, Natur & Umwelt Lebendiges Kulturerbe

Hoch im Nordwesten Sachsen-Anhalts, zwischen Diesdorf und Salzwedel, liegt eine reizvolle, eiszeitlich geprägte, sanftwellige Landschaft, die mit Wiesen, Feldern, Wäldern und schönen Dörfern bis heute den Eindruck ländlicher Idylle erweckt.

Im 19. Jahrhundert „entdeckten“ Johann Friedrich Danneil und andere diese auch als „Hans-Jochen-Winkel“ bezeichnete Gegend als volkskundliches Reliktgebiet, in dem sich Bräuche, Lieder und Sagen stärker erhalten hätten, als anderswo.1 Ungeachtet der Frage, in welchem Verhältnis „Fund“ und „Erfindung“ hierbei standen,2 war die Beobachtung sicher zutreffend, dass es kulturelle Unterschiede zu anderen Regionen der Altmark gab, etwa in der Architektur, der Mundart, bei Bräuchen und Traditionen.3 Die Ortsbilder des Hans-Jochen-Winkels waren geprägt durch niederdeutsche Hallenhäuser, wie sie auch im benachbarten Hannoverschen Wendland und der angrenzenden Lüneburger Heide verbreitet waren. Gemeinsamkeiten mit den Dörfern auf niedersächsischer Seite bestanden aber ebenfalls bei vielen Formen des Brauchlebens.4

Um dieses regionale Kulturerbe und seine Besonderheiten zu bewahren und an die Jugend weiterzugeben, begann der Diesdorfer Wohltätigkeitsverein um den Landarzt Dr. Georg Schulze bereits 1911 mit dem Aufbau eines Heimatmuseums, das entsprechend der damals sehr innovativen Freilichtmuseumsidee (1891 war „Skansen“ in Stockholm als erstes modernes Freilichtmuseum gegründet worden) eine „typisch altmärkische“ Hofanlage darstellen sollte. Zwischen 1912 und 1928 wurden ein niederdeutsches Hallenhaus und Nebengebäude auf das Museumsgelände umgesetzt.5

Mehr als ein Jahrhundert später besteht das Freilichtmuseum Diesdorf aus 25 translozierten Gebäuden. Als „Museum für ländliche Kultur“ dokumentiert und präsentiert es die Lebensformen der Menschen in den Dörfern der nordwestlichen Altmark und deren historischen Wandel zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert. Die Häuser der Bauern, Kossaten und Tagelöhner, der Dorfkrug, die Bockwindmühle und die Dorfkirche liegen eingebettet in eine historische Kulturlandschaft, zu der auch Wald- und Wiesenflächen, ein Teich sowie Gärten und Felder gehören.6

Alle Abbildungen: Erntefeste im Freilichtmuseum Diesdorf.

Bestellt werden die Äcker des Freilichtmuseums seit vielen Jahren durch Frauen und Männer, die sich zu den „Heimatinteressierten aus Dähre und Umgebung“ zusammengeschlossen haben. Sie bauen Roggen und Kartoffeln an und übernehmen hierfür alle Arbeitsschritte: von der Vorbereitung des Bodens, über die Ausbringung der Saat bzw. der Pflanzkartoffeln, die manuelle Entfernung von Pflanzenschädlingen und unerwünschtem Beiwuchs bis zur Einbringung der Feldfrüchte. Für das Freilichtmuseum Diesdorf ist diese ehrenamtliche Arbeit von unschätzbarem Wert; mit dem eigenen Personal wäre es nicht in der Lage, Ackerbau auf dem Museumsgelände zu betreiben.

Begonnen hatte dieses Engagement als „Sommerprojekt“ des Karnevalsvereins „Rot-Weiss 54 Dähre“: Dieser hatte zu Silvester 1999/2000 Szenen aus dem abgelaufenen Jahrhundert aufgeführt, darunter eine „altmärkische Hochzeit um 1900“. Der Erfolg beim Publikum war so groß, dass diese Darstellung auch an anderen Orten der Altmark wiederholt werden konnte, darunter Pfingsten 2000 im Freilichtmuseum Diesdorf. Einige Jahre lang wurden gemeinsam historische Stücke und Brauchdarstellungen inszeniert, seit 2001 auch landwirtschaftliche Arbeiten „wie vor 100 Jahren“ demonstriert.7

Zielpunkt des ländlichen Arbeitsjahres ist auch im Freilichtmuseum die Erntezeit. Die „Heimatinteressierten“ führen den Besucherinnen und Besuchern dann jeweils vor, wie diese arbeitsreichen Tage einst aussahen, wie viele Hände notwendig waren, welche Geräte eingesetzt wurden und vor allem, wie sich durch die Mechanisierung der Landwirtschaft seit dem 19. Jahrhundert die Erntearbeit veränderte.

Die mit den „Heimatinteressierten“ gestalteten Museumsfeste locken alljährlich einige tausend Gäste ins Freilichtmuseum Diesdorf.8 Den Anfang macht die Veranstaltung „Aust un‘ Vergodendeel“ im späten Juli, bei der die Getreideernte (plttdt. „Aust“) stattfindet und anschließend Bräuche des Erntefestes „Vergodendeel“ gezeigt werden. Kurz nach der Öffnung des Museums ziehen etwa 30 „Heimatinteressierte“ mit musikalischer Umrahmung vom sog. Vierseitenhof mit Handwagen, Geräten und Traktoren durch das Museumsdorf hinaus zum Getreidefeld. Nach kurzer Begrüßung beginnt sogleich die Arbeit. Der historischen Entwicklung entsprechend mähen zuerst die Männer das Getreide in gekonntem Schwung mit der Sense und die Frauen und Kinder binden die Halme zu Garben und stellen diese zu Stiegen auf. Den Zuschauerinnen und Zuschauern wird unmittelbar vor Augen geführt, dass die Getreideernte eine schwere körperliche Arbeit war und die gesamte bäuerliche Familie, das Gesinde sowie weitere Erntekräfte dabei mithelfen mussten. Umso deutlicher wird der Umbruch in der ländlichen Arbeitswelt durch die Einführung von Traktoren und Maschinen. Denn im nächsten Arbeitsgang zieht bereits der Lanz-Bulldog einen Flügelableger über das Feld, der die Mahd übernimmt und die Halme neben der Fahrspur auf dem Acker ablegt, wo sie aufgelesen und dann gebunden werden. Mit dem Mähbinder, der dann diese Aufgabe obendrein erledigt und fertige Garben auswirft, folgt die nächste technische Entwicklungsstufe. Die einzelnen Arbeitsschritte und Geräte werden dem Publikum von Torsten Barthel, dem „Chef“ der Heimatinteressierten, erklärt und der sozial- und wirtschaftshistorische Kontext erläutert.

Die sommerliche Roggenernte dauerte einst mehrere anstrengende Tage, am Ende stand jedoch mit dem „Vergodendeel“ ein ausgesprochener Festtag.9 Als Schmaus des Gutsherren für seine Bauern und Erntearbeiter taucht das ‚Verguten Theil‘ bereits in Quellen des 17. Jahrhunderts auf; bis in die 1930er Jahre wurde es in den Dörfern der nordwestlichen Altmark (aber ebenso z.T. in Wendland und Heide) als Erntefest gefeiert. Aus dem 19. Jahrhundert sind eine ganze Reihe zugehörige Bräuche dokumentiert, von denen einige für die Veranstaltung im Freilichtmuseum Diesdorf wiederbelebt wurden. Dazu zählt zunächst die besondere Kleidung: Die Frauen tragen festliche weiße Ernteschürzen und „Austärmel“, die an die Frauenhemden angebunden wurden, die Männer weiße Hemden zu dunklen Hosen und Westen. Die Sensenbäume schmückt z.T. eine „Schann“, d.h. eine bunte Schleife mit Stickereien. Stehen nur noch wenige Halme auf dem Museumsacker versammeln sich die Mäher und Binderinnen darum im Kreis; eine ausgesuchte Person, früher häufig der Großknecht, sagt einen „Vergodendeelsspruch“ auf und muss dann diese „letzte Schwatt“ mit einem Schwung abmähen. Danach tanzen alle Akteurinnen und Akteure zu den Klängen der herbeigeeilten Blaskapelle um diese letzte Garbe, die zu einem „Vergodendeelsstrauß“ gebunden wird. Der historische Vergodendeels-Brauch hatte lokale Varianten und wandelte sich im Laufe der Zeit immer wieder; in der geschilderten Form wird er nun seit etwa 25 Jahren im Freilichtmuseum Diesdorf gelebt. Einst zogen die Erntekräfte im Anschluss ins Dorf bzw. auf ihren Hof, wo mit festtäglichem Essen und Trinken, Musik und Tanz bis in die Nacht hinein gefeiert wurde. Auch die „Heimatinteressierten“ lassen es sich zum Ausklang der Veranstaltung mit Kaffee, Kuchen und kühlen Getränken gutgehen; diese gemeinschaftliche Mahlzeit (wie schon das gemeinsame Mittagessen am Feldrand) ist ein Brauchelement, dessen Bedeutung wohl kaum zu verkennen ist. Zum Vergodendeel im Freilichtmuseum Diesdorf gehört übrigens immer auch ein Dankgottesdienst nach Beschluss der Ernte.

In ähnlicher Weise gestalten die „Heimatinteressierten“ Ende August eine „historische Kartoffelernte“, bei der die Entwicklung von der Arbeit mit Kartoffelhacke, Pflug und Pferdegespann bis hin zum Einsatz von Traktoren mit unterschiedlichen Kartoffelrodern vorgestellt wird. Die mit großer Sorgfalt angebauten alten und bunten Sorten wecken dabei das Interesse der Museumsgäste immer besonders.

Den Höhepunkt der Saison im Freilichtmuseum Diesdorf bildet schließlich das Erntefest am 3. Oktober, bei dem die „Heimatinteressierten“ das im Juli geerntete Getreide ausdreschen. Auch diese Demonstration vermittelt den Besucherinnen und Besuchern ganz anschaulich die tiefgreifenden Veränderungen der ländlichen Arbeitswelt durch die technischen Innovationen des 19. und 20. Jahrhunderts, d.h. die Ablösung des Dreschens mit dem Schlegel auf der Diele durch Dreschmaschinen in verschiedener Bauform (Breitdrescher, Stiftendrescher). Der Drusch wird sogleich in der Windfege gereinigt und in der Schrotmühle gemahlen. Die Arbeitskleidung der „Heimatinteressierten“ orientiert sich am Dreschtag wiederum an historischen Vorbildern: Die Männer tragen derbe Stiefel, dunkle Hosen und Westen, Leinenhemden und Strohhüte, die Frauen meist Holzpantinen, blaue Röcke, weiße Hemden, Schürzen und Kopftücher.

Warum begeistern die Veranstaltungen mit den „Heimatinteressierten“ aus Dähre nach wie vor so viele Menschen? Die Faszination „lebendiger Geschichte“ spielt dabei sicher eine große Rolle, ebenso das Interesse für alte Landtechnik sowie der nicht zu unterschätzende Reiz, den Bräuche und Traditionen gerade in der digitalen Gegenwart entfalten.

Kritische Geister hätten freilich bis vor wenigen Jahren – und vielleicht auch noch heute – gefragt, ob die Zurschaustellung von Arbeits- und Festbräuchen im Freilichtmuseum nicht reiner Folklorismus sei?10 Und ob es die Aufgabe eines Museums wäre, moderne Menschen aus unterschiedlichen Berufen zur Unterhaltung des Publikums vorspielen zu lassen, sie seien landwirtschaftliche Arbeitskräfte aus dem 19. Jahrhundert? Dem wäre entgegenzuhalten, dass die jährlich wiederkehrenden Ernteveranstaltungen ja einen festen „Sitz im Leben“ der „Heimatinteressierten“ haben, d.h. Bedeutung und Funktion für diese Gruppe wie für ihre einzelnen Mitglieder.11 Sie können also durchaus als „Trägergruppe“ im Sinne der Brauchforschung angesprochen werden. Daher sind ihre Darbietungen im Freilichtmuseum gleichermaßen eine publikumswirksame Methode der Geschichtsvermittlung wie eine zeitgemäße Form, in der regionale Traditionen gepflegt und gelebt werden. Die „Heimatinteressierten“ sind authentisch, sie sind überzeugt von dem, was sie tun und haben Freude daran – das spüren auch die Gäste im Freilichtmuseum und kommen gerne zu den Veranstaltungen. Die Qualität ihrer historischen Darstellung ist deshalb auch nicht allein an den strengen Maßstäben zu messen, wie sie in der „Living History“ an die Authentizität des Gezeigten gestellt werden.12
Nicht zuletzt kann wohl die enge Kooperation mit den „Heimatinteressierten“ aus Dähre und Umgebung für das Freilichtmuseum Diesdorf als Beispiel für erfolgreiche Partizipation im Museumsbereich gelten. Die „Heimatinteressierten“ sind eine regional verankerte Gemeinschaft interessierter und engagierter Personen mit hoher Bindung an das Freilichtmuseum Diesdorf und positiver Identifikation mit der Altmark.13 Da ihre Motivation auch nach einem Vierteljahrhundert nicht schwächer wird und auch viele junge Menschen an den Veranstaltungen teilnehmen, besteht Anlass zu der Hoffnung, dass die bewährte Zusammenarbeit von Museum und Ehrenamtlichen auch in den kommenden Jahren andauert.

Dr. Jochen Alexander Hofmann

studierte Volkskunde/Europäische Ethnologie, Geschichte und Geographie. Er leitet seit einigen Jahren die Museen sowie das Schul- und Kulturamt des Altmarkkreises Salzwedel. ⇆ jochen.hofmann@altmarkkreis.de

  1. 1)

    Vgl. Hermann Dietrichs/Ludolf Parisius: Bilder aus der Altmark. Erster Band, Hamburg 1883 [ND Lingen/Ems 1994], S. 244-247.

  2. 2)

    Vgl. zu diesem Begriffspaar und Problemkreis: Wolfgang Brückner: Fund und Erfindung. Erkenntniskritische Zugänge und sozialwissenschaftliche Theorienbildung der Volkskunde im Lichte des Konstruktivismus (1994), in: ders.: Kultur und Volk. Begriffe, Probleme, Ideengeschichte (= Volkskunde als historische Kulturwissenschaft Bd. 1), Würzburg 2000, S. 27-39, insb. S. 37f. – Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie, 2. Aufl., München 2003, S. 169-173.

  3. 3)

    Vgl. Peter Fischer et. al.: Die nordwestliche Altmark – eine Kulturlandschaft, Gifhorn 1991 – Peter Fischer: Beiträge zur Hausforschung und Volkskunde der Altmark, Uelzen 2019.

  4. 4)

    Vgl. Hartmut Bock: Vergodendeel un Hochtied – Bräuche und Feste in der Altmark, Langenweißbach/Salzwedel 2021.

  5. 5)

    Vgl. zur Entwicklung des Freilichtmuseums Diesdorf: Peter Fischer: Beiträge zur Hausforschung und Volkskunde der Altmark, S. 35-66.

  6. 6)

    Vgl. Häuser und Gärten im Freilichtmuseum Diesdorf, Salzwedel 2012 – Jochen Alexander Hofmann: Das Freilichtmuseum Diesdorf – lebendige Geschichte und historische Baukultur in der Altmark, in: Der Holznagel 2 (2023), S. 62-68.

  7. 7)

    Vgl. zu diesen „historischen“ Aktivitäten des Dährer Karnevalsvereins: 2004-2014. Erinnerungen an 10 weitere Jahre Rot-Weiss 54 Dähre, Dähre 2014, S. 50-63 – Jochen Alexander Hofmann: Ein Karnevalsverein stellt Geschichte dar – Living History im Freilichtmuseum Diesdorf zwischen Partizipation, Edutainment und Authentizität, in: Freilichtmuseum am Kiekeberg, Tagungsband Living History (in Vorbereitung).

  8. 8)

    Die Ernteveranstaltungen der Dährer Heimatinteressierten habe ich auch im Beitrag für den o.g. Tagungsband des Freilichtmuseums am Kiekeberg vorgestellt. Vgl. diesen auch zum Folgenden.

  9. 9)

    Vgl. zum Vergodendeel: Hartmut Bock/ Peter Fischer: Vergodendeel [1984], in: Peter Fischer: Beiträge zur Hausforschung und Volkskunde der Altmark, S. 280-296 – Hartmut Bock: Vergodendeel un Hochtied, S. 69-80 und S. 273-282.

  10. 10)

    Vgl. Hans Moser: Vom Folklorismus in unserer Zeit [1962], in: ders.: Volksbräuche im geschichtlichen Wandel, München 1985, S. 336-358 – Jochen Alexander Hofmann: Kulturwissenschaftliche Anmerkungen zum Phänomen „Brauch“, in: Hartmut Bock: Vergodendeel un Hochtied, S. 175-177.

  11. 11)

    Vgl. Helge Gerndt: Studienskript Volkskunde, 3. Aufl., Münster et. al. 1997, S. 91.

  12. 12)

    Vgl. Jochen Alexander Hofmann: Ein Karnevalsverein stellt Geschichte dar (in Vorbereitung).

  13. 13)

    Ebd.