Wander- und Erlebnisimkerei „Der Biene zuliebe“, Fotos: Enrico Kretschmar
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Grenzenloser Honig – Die Geschichte eines Imkers, der den Bienen folgte
Wenn Enrico Kretschmar von Honig spricht, dann spricht er nicht von einem Brotaufstrich. Er spricht von Herkunft, von Zeit, von Landschaft und von einem Leben, das ohne Bienen kaum denkbar wäre. „Ich verkaufe keinen Honig“, sagt er. „Ich verkaufe eine Geschichte.“ Und diese Geschichte beginnt lange vor ihm selbst.
Die Wurzeln der Familie liegen in der Oberlausitz, im äußersten Osten der damaligen DDR. Dort war Enricos Vater Offizier bei den Grenztruppen. Als Ende der 1950er Jahre die innerdeutsche Grenze geschlossen werden sollte, wurden Familien versetzt, ohne gefragt zu werden. Auch die Kretschmars.
Während Enricos Mutter schwanger war, wurde der Vater von der Ostgrenze an die Westgrenze abgezogen. Keiner wusste genau, wohin. Der Sohn wurde geboren, ohne dass der Vater dabei sein konnte. Erst Monate später sah er sein Kind zum ersten Mal. Die Familie zog schließlich mit Sack und Pack von einem Ende des Landes ans andere, wieder an eine Grenze, in den Ort Hessen, einem Ortsteil von Osterwieck. Hier sollte ein Honig entstehen, der später „grenzenlos“ genannt wird.
Wander- und Erlebnisimkerei „Der Biene zuliebe“, Fotos: Enrico Kretschmar
Mit Schulklassen am Bienenstand in Elend (Harz)
Wander- und Erlebnisimkerei „Der Biene zuliebe“, Fotos: Enrico Kretschmar
Workshop „Bienenflug am Grünen Band“ mit der Grundschule Hessen
Die Bienen kannten keine Grenze
Denn während Menschen kontrolliert, überwacht und aufgehalten wurden, kannten die Bienen keine Schranken. „Unsere Bienen standen zu 80 bis 90 Prozent direkt im Grenzgebiet“, erzählt Kretschmar. Die Stöcke befanden sich auf DDR-Gebiet, die Tracht aber lag oft jenseits des Zauns. Die Bienen flogen einfach darüber hinweg. Sie waren das einzige Nutztier, das die innerdeutsche Grenze täglich passierte: morgens hinaus, abends zurück. Linien- und blütentreu. Und doch frei.
Sie sammelten Nektar im „goldenen Westen“, kosteten andere Blüten, andere Landschaften und brachten all das zurück in ihre Beuten. „Die Biene hat Freiheit geschnuppert“, sagt Kretschmar. „Und sie kam freiwillig zurück.“ Der Honig, der entstand, war ein Grenzgänger. Geschleudert wurde er im Osten, verkauft vom Staat. Hundert Prozent Staatsabgabe waren Pflicht. Ohne sie hätte es keine Rohstoffe, keine Gläser, keine Imkerei mehr gegeben. Später landete dieser Honig in der Bundesrepublik, etwa bei großen Marken wie Langnese.
Wander- und Erlebnisimkerei „Der Biene zuliebe“, Fotos: Enrico Kretschmar
Die Bienenstöcke der Wander- und Erlebnisimkerei in der Wildblüte
Die Wurzeln der Imkerei
Die eigentliche Imkereigeschichte beginnt jedoch schon 1946, auf der mütterlichen Seite der Familie. Enricos Großmutter begann unmittelbar nach dem Krieg mit der Bienenhaltung. Es gab nichts: keine Lebensmittel, keine Medizin. Aber es gab die Hoffnung, dass Honig, Natur und Arbeit heilen könnten.
Mit einem reparierten alten Beutel und einem eingefangenen, herrenlosen Bienenschwarm begann alles. Aus einem Volk wurden viele. Am Ende standen 60 bis 70 Völker, Bienenwagen, Wanderimkerei. Die Familie zog mit den Bienen durchs Land, folgte Raps, Obstblüte, Sommertracht und Klee. Die Bienen waren Lebensgrundlage.
Enrico wuchs mit ihnen auf. „Ich war schon im Mutterleib bei den Bienen“, sagt er. Es gibt ein Foto: ein Kinderwagen am Bienenstand, die Mutter arbeitet an den Völkern. Angst hatte er nie. Respekt schon. Bis heute arbeitet er manchmal ohne Schleier, wenn die Bienen es zulassen. „Sie zeigen dir, ob es geht oder nicht.“
Nach der Wende änderte sich vieles. Enrico orientierte sich beruflich neu, übernahm Verantwortung, Ehrenämter, baute eine Versicherungsagentur auf. Die Bienen blieben Hobby. Zwei eigene Völker, mehr Zeit war nicht. Bis 2012. In diesem Jahr wurde seine Mutter krank und sagte: „Wenn du jetzt nicht einsteigst, muss ich die Bienen aufgeben.“
Wenn Landschaften wieder blühen
Was folgte, war mehr als ein beruflicher Neustart. Es war der Aufbau eines lebendigen Netzwerks. Durch mühsame Kleinarbeit und Aufklärung entstand etwas, das trägt und wächst. Ein zentraler Teil von Kretschmars Arbeit beginnt dort, wo andere nur ungenutzte Flächen sehen. Brachland, Randstreifen, aufgegebene Sportplätze. Für Bienen sind sie Potenzial.
In Zusammenarbeit mit Schulen, sozialen Einrichtungen und Kommunen kamen innerhalb kurzer Zeit rund 6.000 Quadratmeter solcher Flächen zusammen. In Wernigerode, Osterwieck und Dardesheim entstanden neue Lebensräume.
Im Gewerbegebiet Ellerbach in Ilsenburg realisierte die Firma Innowo-Print-Fibertex mit Kretschmars fachlicher Beratung ein Biodiversitätsprojekt. Auf einer bislang ungenutzten Fläche neben den Produktionshallen wurde eine Streuobstwiese mit rund 35 jungen Obstbäumen angelegt, ergänzt durch Blühflächen.
Wander- und Erlebnisimkerei „Der Biene zuliebe“, Fotos: Enrico Kretschmar
Kretschmar ist viel unterwegs und erklärt das Imkern.
Honig als Haltung
Heute sind die Bienen für Enrico Kretschmar nicht nur Erwerb, sondern Berufung. Er ist Imker, Pädagoge, Netzwerker. Schulimkereien, Bienen-AGs, Kooperationen mit Hochschulen, Unternehmen und sozialen Trägern gehören zu seinem Alltag.
Sein Honig ist so vielfältig wie die Landschaften, in denen die Bienen fliegen. Jede Schleuder ist anders. Frühlingsblüte, Sommerblüte, Linde, Spätsommer. Nichts ist reproduzierbar. Honig ist Momentaufnahme. Er wird nicht erhitzt, nicht industriell behandelt. Kristallisation ist kein Fehler, sondern Qualitätsmerkmal. „So muss Honig aussehen“, sagt Kretschmar, „wie Marmor.“
Mehrfach wurde sein Honig mit dem „Kulinarischen Stern“ des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet – zuletzt 2025 für Sommerblüte mit Linde. Drei Sterne hat er inzwischen. Sternehonig, nennt er das, mit einem Augenzwinkern.
Doch wichtiger als Auszeichnungen sind ihm Begegnungen. Sondereditionen für besondere Menschen. Wie für den Brockenwanderer Benno Schmidt, dem sogenannten „Brockenbenno“, dem er zu dessen 9.000. Brockenbesteigung 90 Gläser Honig schenkte.
Wander- und Erlebnisimkerei „Der Biene zuliebe“, Fotos: Enrico Kretschmar
Zur 9.000 Brockenbesteigung gratulierte Enrico Kretschmar dem Brocken-Benno (links) mit 90 Gläsern Honig.
Empfehlung aus der Natur
Kretschmar verkauft bewusst keine Masse. Seine Preise liegen über dem Durchschnitt.
„Ich bin keine Konkurrenz“, sagt er. „Ich spreche die an, die Wertschätzung haben.“
Auf Märkten geht er ins Gespräch, erzählt von Grenzen, Bienen, Blüten, Menschen und gibt einfache Empfehlungen weiter: Ein Glas lauwarmes Wasser, ein Teelöffel Honig, ein Teelöffel Apfelessig. Schluckweise trinken. „Mehr braucht der Körper nicht“, sagt er. „Das ist Natur pur.“
