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Gemeinschaft denken: Die Geschichte der Genossenschaftswissenschaft in Halle

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Sachsen-Anhalt-Journal - „Genossenschaft“ (Nr. 2, 2026)

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Bildung & Vermittlung Geschichte

Der Beitrag entstand auf Grundlage eines Gesprächs mit Dr. Michael Strich, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Genossenschafts- und Kooperationsforschung Halle-Wittenberg e. V. (GFGK) und Aufsichtsratsvorsitzender der Halleschen Wohnungsgenossenschaft FREIHEIT eG.

Genossenschaften sind im Grunde so alt wie die Menschheit selbst. Sie sind keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Dr. Michael Strich betont: „Schon die Urmenschen haben gemeinsam gejagt, gemeinsam geschaffen.“ Das Prinzip, gemeinsam zu leisten, was der Einzelne nicht leisten kann, zieht sich durch die gesamte Geschichte der menschlichen Gemeinschaft, durch handwerkliche Zünfte, kaufmännische Zusammenschlüsse und bäuerliche Kooperationen.

Mit der industriellen Revolution verdichtete sich dieses Prinzip zu einer bewusst formulierten Idee. Die Wegbereiter waren Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, sie prägten das moderne Genossenschaftswesen in Deutschland entscheidend. Ihnen ging es jeweils um den freiwilligen Zusammenschluss gleichberechtigter Mitglieder, die gemeinsam einkaufen, produzieren oder vermarkten.

Schulze-Delitzsch und Raiffeisen stehen für unterschiedliche, sich ergänzende Ansätze. Hermann Schulze-Delitzsch (1808–1883) gründete 1849 die erste deutsche Genossenschaft – einen Schuhmacherzusammenschluss in Delitzsch. Sein Leitbild war die Selbsthilfe ohne staatliche Abhängigkeit. Das Genossenschaftsgesetz, das bis heute gilt, geht maßgeblich auf seine Vorarbeit zurück. Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) wandte denselben Grundgedanken auf die ländliche Bevölkerung an: Als Bürgermeister im Westerwald entwickelte er genossenschaftliche Darlehenskassen für die Landbevölkerung, Vorläufer der heutigen Raiffeisenbanken.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 – 1888)

Hermann Schulze-Delitzsch (1808 – 1883)

Regionale Verwurzelung einer wissenschaftlichen Tradition

Dass sich gerade in Halle ein universitäres Zentrum der Genossenschaftsforschung herausbildete, war kein Zufall, hatte aber auch nicht einen einzigen Grund. Wie Dr. Strich erläutert, spielten mehrere Faktoren zusammen: Die Region war und ist stark landwirtschaftlich geprägt. Die Zuckerrübenindustrie oder die Milchwirtschaft boten einen fruchtbaren Boden für genossenschaftliche Organisationsformen. Industrie und Wohnungswesen hingegen waren zur entscheidenden Zeit noch kaum genossenschaftlich organisiert.

Hinzu kam die akademische Dimension: Bereits im späten 19. Jahrhundert wurde in Halle die Grundlage für eine systematische wissenschaftliche Beschäftigung mit Genossenschaften gelegt. Vor dem Hintergrund der Genossenschaftsgesetzgebung seit 1867 begannen an der Universität Vorlesungen zum Genossenschaftsrecht und zu wirtschaftlichen Kooperationsformen.
Mit der Gründung des Seminars für Genossenschaftswesen im Jahr 1911 erhielt diese Entwicklung eine institutionelle Verankerung. Halle wurde zum ersten universitären Zentrum der Genossenschaftsforschung in Deutschland.

Hauptgebäude der Universität (Löwengebäude), 1914

Ernst Grünfeld: Blütezeit und tragisches Ende

Eine herausragende Rolle spielte dabei Ernst Grünfeld, der das Seminar ab 1923 leitete. Unter seiner Führung entwickelte sich Halle zu einem international beachteten Zentrum der Genossenschaftswissenschaft. Grünfeld vertrat ein bemerkenswert offenes und breites Verständnis von Genossenschaften. Er verstand sie nicht allein als ökonomische Organisationen, sondern als soziale Gebilde, eingebettet in kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge. Sein Ansatz war interdisziplinär, international vergleichend und stark an realen Praxisproblemen orientiert.

Grünfeld betonte, dass Genossenschaften nicht nur der wirtschaftlichen Bedürfnisdeckung dienen, sondern zugleich Ausdruck demokratischer Selbstorganisation sind. Das Prinzip „ein Mitglied – eine Stimme“ verstand er als Kern einer Wirtschaftsdemokratie.

Die hallesche Forschung erreichte eine breite Resonanz, weit über Deutschland hinaus. Diese Blütezeit fand jedoch 1933 ein abruptes Ende. Ernst Grünfeld wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft entlassen und mit einem vollständigen Berufsverbot belegt. Isoliert und ohne Perspektive nahm er sich 1938 das Leben, wobei die genauen Umstände seines Todes bis heute nicht vollständig geklärt sind. Seine Frau brachte das Manuskript seines letzten Werkes „Die Peripheren“, eine soziologische Abhandlung über soziale Ausgrenzung, in die Niederlande und rettete es so.

Mit seinem erzwungenen Weggang verband sich nicht nur ein persönliches Schicksal von großer Tragik, sondern auch ein nachhaltiger Bruch in der halleschen Genossenschaftsforschung, deren internationale Ausstrahlung damit weitgehend erlosch.

Ernst Grünfeld (1883 – 1938) leitete das Seminar für Genossenschaftswesen ab 1923, hier: um 1830.

Diskontinuität und Neuanfang: Von 1933 bis 1990

Die Zeit des Nationalsozialismus und die Nachkriegsjahre führten schließlich zum vorläufigen Ende der genossenschaftswissenschaftlichen Lehre in Halle im Jahr 1950. Erst nach 1990 wurde an die hallesche Tradition wieder angeknüpft. Mit der Neugründung des Instituts für Genossenschaftswesen und später der Interdisziplinären Wissenschaftlichen Einrichtung für Genossenschafts- und Kooperationsforschung (IWE GK) wurde die historische Linie bewusst aufgenommen und weiterentwickelt. Grünfelds Werk wird dabei zunehmend wieder zugänglich gemacht. Sein Name ist in Halle durch den Ernst-Grünfeld-Weg im Stadtbild präsent. Die beste Form des Gedenkens aber, so Dr. Strich, sei die Fortsetzung seiner Forschung.

Landwirtschaftliches Institut: Das Seminar für Genossenschaftswesen war am Landwirtschaftlichen Institut der Universität Halle angesiedelt.

Genossenschaftsforschung heute: Zwischen Tradition und drängenden Fragen

Heute knüpft die IWE GK als Ort interdisziplinärer Forschung zur Kooperation von Menschen in unterschiedlichen Organisationsformen unmittelbar an Grünfelds Ansatz an. Die Forschung in Halle verbindet historische Analyse mit aktuellen Fragestellungen, etwa zur Rolle von Genossenschaften in Transformationsprozessen, in der Daseinsvorsorge oder im Kontext von Digitalisierung und Klimawandel.

Dr. Strich betont dabei die Notwendigkeit, die drei Säulen des Genossenschaftswesens – Betriebswirtschaft, Soziologie und Recht – stets zusammenzudenken. Ein Beispiel: Wie gelingt es landwirtschaftlichen Genossenschaften, angesichts von Überalterung und fehlendem Nachwuchs neue Mitglieder zu gewinnen – auch aus dem Kreis von Menschen mit Migrationsgeschichte? Das ist keine rein rechtliche Frage. Sie berührt Fragen der Bewertung von Einlagen, der gesellschaftlichen Teilhabe, der Haltung und des Zusammengehörigkeitsgefühls.

Ein weiteres zukunftsweisendes Forschungsfeld ist die Pflegegenossenschaft: Wie können Wohnungsgenossenschaften ihre Mitglieder auch im Alter und bei Pflegebedürftigkeit absichern, jenseits staatlicher Förderung und ohne in Altersarmut abzudriften? Oder die Infrastrukturgenossenschaft: Dort, wo der Staat sich zurückzieht, wo Läden schließen und Energieversorgung neu organisiert werden muss, entstehen neue Formen genossenschaftlicher Selbsthilfe.

Und doch bleibt eine alte Spannung bestehen, die Grünfeld bereits erkannte: Genossenschaften laufen Gefahr, mit wachsender Größe ihre Identität zu verlieren. Wenn Mitglieder sich nur noch als Mieter oder Kunden fühlen, wenn finanzielle Einlagen persönliche Leistung ersetzen, wenn das demokratische Prinzip „ein Mitglied – eine Stimme“ zur bloßen Formsache wird, dann ist die Genossenschaftsidee in Gefahr.

Der Blick auf die hallesche Genossenschaftsforschung zeigt nicht nur Kontinuitäten, sondern auch Brüche. Und er macht deutlich, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Traditionen weiterzuführen und immer wieder neu zu denken.