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Gemeinsam stark, ein Leben lang

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Sachsen-Anhalt-Journal - „Genossenschaft“ (Nr. 2, 2026)

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Denkmal & Baukultur Dorfmitte & Soziokultur Geschichte Nahversorgung

Die Hallesche Wohnungsgenossenschaft FREIHEIT eG lebt die Genossenschaftsidee seit über 70 Jahren.

Es gab keinen Gehweg, die Fassaden waren noch nicht verputzt und eine Straßenbahn fuhr noch nicht bis in die Straße. Und trotzdem waren sie glücklich. „Die Wohnung hatte eine Einbauküche und eine Badewanne war drin. Damit fühlte ich mich reich“, erinnert sich Frau Pfanne, die 1961 in ihre erste eigene Wohnung in Halle-Südstadt einzog. Sie hatte gerade geheiratet und war voller Zuversicht. Über sechzig Jahre später wohnt das Ehepaar Pfanne noch immer in einer Wohnung der Halleschen Wohnungsgenossenschaft FREIHEIT (HWF), jetzt in einer barrierefreien Wohnung mit Fahrstuhl. „Wenn man hier eine Reparatur hat, ruft man an und die Handwerker sind im Nu da. Wir fühlen uns gut aufgehoben und geborgen.“
 
Diese Geschichte steht für viele und sie steht für die Genossenschaftsidee, die Hermann Schulze-Delitzsch mit dem Satz zusammenfasste: „Mehrere kleine Kräfte vereint bilden eine große.“

Frau und Herr Pfanne in ihrer Wohnung in Halle-Südstadt mit Bildern von ihrer ersten Genossenschaftswohnung

Das Ehepaar Pfanne kümmerte sich viele Jahre um die Grünflächenpflege in der Genossenschaft.

Eine Idee aus der Not geboren

Als Hermann Schulze-Delitzsch 1867 das erste Genossenschaftsgesetz in Preußen konzipierte, reagierte er auf eine soziale Krise. Die Industrialisierung trieb Menschen massenweise in die Städte, wo ein ungeregelter Wohnungsmarkt zu Überbelegung und Elend führte. Schulze-Delitzschs Antwort scheint simpel und sie ist bis heute gültig: Was man nicht allein schaffen kann, soll man gemeinsam angehen.
 
In der DDR lebte diese Idee als Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) weiter, und zwar mit der Besonderheit, dass die Mitglieder ihre Häuser buchstäblich selbst bauten. Baugruben wurden ausgeschachtet, Fenster und Türen selbst gestrichen, Vorgärten in Eigenregie angelegt. Für eine Zweiraumwohnung musste man 1958 rund 400 Arbeitsstunden ableisten. Was nach Bürde klingt, schuf Zusammenhalt. „Es waren damals sogar 500 Aufbaustunden“, erinnert sich Frau Pfanne. Ihr Mann stellte schon 1958 den Antrag für eine Wohnung. „Am 1. Januar 1961 bin ich Mitglied geworden“, erinnert er sich. Im April desselben Jahres zog das frisch verheiratete Paar ein. Frau Pfanne berichtet: „Mein Mann hat jahrelang die Rasenpflege hinterm Haus übernommen und Hecken gepflanzt. Gemeinsam gebaute und gepflegte Häuser schufen starke nachbarschaftliche Bindungen. Das ist ein Fundament, das bis heute hält.

Fünf Wurzeln, eine Genossenschaft

Die heutige HWF wuchs aus fünf eigenständigen Gründungen zusammen. Die AWG „VEB Waggonbau Ammendorf“ und die AWG „1. Mai“ entstanden 1954, die AWG „Freiheit“ 1956, die AWG „Örtliche Wirtschaft“ und die AWG „Aufbau“ 1957. 1965 beschloss der Rat der Stadt Halle die Zusammenführung: 2.354 Mitglieder, 2.058 Wohnungen. Der Name „Freiheit“ stammt ursprünglich von der halleschen Lokalzeitung. Er wurde übernommen und blieb.
 
Die Wiedervereinigung war eine Bewährungsprobe. Die DDR-Mieten hatten gerade einmal 15 Prozent der tatsächlichen Kosten gedeckt, staatliche Subventionen entfielen über Nacht. Zwischen 1992 und 2003 investierte die Genossenschaft 138,3 Millionen Euro in Sanierungen: Rohrleitungen, Fenster, Wärmedämmung, Heizanlagen. Allein in der Südstadt wurden 1.817 Wohnungen modernisiert. Heute zählt die HWF rund 5.400 Wohnungen, 7.000 Mitglieder und knapp 400.000 Quadratmeter Grundstücksfläche.

Dirk Neumann, Vorstand der HWF, ist überzeugt, dass die Genossenschaftsidee Zukunft hat.

Mehr als Vermieter sein

Was unterscheidet eine Genossenschaft grundlegend von einem gewöhnlichen Vermieter? Für Dirk Neumann, Vorstand der HWF, ist die Antwort eindeutig: „Demokratie ist in der heutigen Zeit eines unserer höchsten Güter. Sie lebt immer von Mitbestimmung. Unsere Wohnungsgenossenschaft ist ein kleiner Mikrokosmos.“ Die Mitglieder wählen aus ihren Reihen eine Vertreterversammlung, die den Aufsichtsrat wählt, der wiederum den Vorstand bestellt. Alle Beteiligten sind selbst Genossenschaftsmitglieder. Eigenbedarfskündigungen sind ausgeschlossen. „Gutes Wohnen, ein Leben lang. Wir nennen das Dauerwohnrecht“, sagt Neumann.
 
Dies ist keine Formalität, sondern eine Haltung, die Beziehungen prägt. Frau und Herr Pfanne sind seit 64 Jahren Mitglieder der Genossenschaft. Innerhalb der HWF sind die beiden umgezogen und auch ihr Familie ist geblieben: „Wir haben unseren Enkel dazu überredet, auch in die Genossenschaft einzutreten.“ Solche Lebensläufe sind in der Genossenschaft keine Ausnahme. Junge Paare ziehen ein, gründen eine Familie und wechseln mit neuem Platzbedarf in andere Wohnungen, ohne ihr vertrautes Umfeld zu verlassen. Viele von ihnen sind selbst schon in der Genossenschaft aufgewachsen und bleiben ihr auch mit der eigenen Familie treu.
 
Neumann bestätigt, dass die Treue zur Genossenschaft auch die Aufgabe mit sich bringt, altersgerechtes und selbstbestimmtes Wohnen zu ermöglichen: „Wir haben eine Vielzahl von Genossenschaftsmitgliedern, die schon über 50 Jahre bei uns wohnen. Diese lange Wohndauer ist für uns ein Vertrauensbeweis und zugleich Ansporn.“ Der Altersdurchschnitt der Mitglieder liegt bei 58 Jahren.

Innovation mit sozialem Gewissen

Was bedeutet es, im Alter in einer Genossenschaft zu wohnen? Für das Ehepaar Pfanne war die Antwort sehr konkret: Die neue Wohnung hat einen Fahrstuhl. „Wir wohnten ja auch in der dritten Etage“, erzählt Herr Pfanne. „Wir werden immer älter, es wird immer schwieriger.“ Der Umzug innerhalb der Genossenschaft war möglich, weil sie sich auf Anraten einer Mitarbeiterin frühzeitig angemeldet hatten: „Melden Sie sich an. Wenn Sie es nicht brauchen, sagen Sie ab.“ Hier wird deutlich, dass vorausschauende Fürsorge von beiden Seiten gelebt wird, nämlich von der Genossenschaft, die frühzeitig berät und passende Angebote schafft, ebenso wie von den Mitgliedern, die diese Hinweise annehmen und rechtzeitig handeln.
 
Die HWF hat solche Lebensrealitäten längst in ihre Strategie integriert. Ein Haus in der Weißenfelser Straße war das erste, das mit Fahrstuhl, Rollstuhlrampe und ansässigem Pflegedienst speziell für Senioren umgebaut wurde. Es folgte ein Modellprojekt, das Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz, Wohnungen mit Assistenzsystemen und telemedizinischer Anbindung miteinander verbindet und so neue Formen des selbstbestimmten Wohnens im Alter konzipiert. „Unser Bestreben ist es, dass man so lange wie möglich im angestammten Wohnumfeld leben kann“, sagt Neumann. Dazu gehören auch drei Sozialarbeiterinnen, die Mitglieder in allen Lebenslagen begleiten.

Die HWF betreibt Begegnungsstätten mit vielen Freizeitangeboten.

Ankommen in der Genossenschaft

Der Krieg in der Ukraine begann im Februar 2022. Im März desselben Jahres verließ Frau Gilmour ihre Heimat. Nun wohnt sie mit ihren Kindern in einer Wohnung der HWF in Halle. Sie beschreibt ihre Erfahrungen mit einer Nüchternheit, hinter der große Erleichterung steckt: „Am Anfang war alles neu, aber ich habe mich schnell mithilfe von Mitarbeiterinnen der Genossenschaft eingewöhnt. Ich bin sehr zufrieden. Die Menschen sind aufmerksam und es gibt Unterstützung.“
 
Konkrete Erfahrungen haben diese Einschätzung geprägt. Als der Briefkastenschlüssel verloren ging, wandte sie sich an die Genossenschaft. Schon am nächsten Tag hatte sie einen neuen. „Das hat mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben.“ Als es finanzielle Engpässe gab, zeigte die Genossenschaft Geduld. Das Wichtigste aber fasst Frau Gilmour in einem Satz zusammen: „Zu Hause bedeutet für mich Sicherheit und Ruhe. Hier ist es sauber und organisiert und ich fühle mich sehr wohl.“
 
Für Dirk Neumann ist Integration ein natürlicher Teil des Genossenschaftsgedankens: „In unserer Genossenschaft wohnen Menschen aus über 30 unterschiedlichen Ländern. Wer die Zweckausrichtung und die Regelungen unserer Satzung anerkennt, ist uns jederzeit herzlich willkommen.“ Neulich war er zu einem Frühlingsfest usbekischer Mieter eingeladen. „Wenn sich Menschen unterschiedlicher Kulturen begegnen und miteinander kommunizieren, gelingt auch Verständigung.“

Gemeinschaft als Grundlage

Vier Begegnungsstätten, Frühlingsfeste, Tanznachmittage, Kabarett, gemeinsame Ausflüge sind wichtige Bestandteile des genossenschaftlichen Lebens. Die HWF investiert bewusst in das, was über das Wohnen hinausgeht. „In unseren Begegnungsstätten gibt es jeden Tag ein umfangreiches Programm“, sagt Neumann. „Ganz klassisch zum Beispiel Basteln, Vorträge und Spiele, aber auch Line Dance oder Theateraufführungen.“ Seit 2012 wird jährlich eine große Genossenschaftsfahrt organisiert.
 
Das Ehepaar Pfanne nimmt die Angebote gern wahr, beispielsweise das Frühlingsfest, das Wohngebietsfest oder die Weihnachtsfeier. Seit kurzem bietet die Begegnungsstätte auf ausdrücklichen Wunsch der Mieter auch Smartphone-Kurse an.
Neumann sieht darin die eigentliche Aufgabe der Genossenschaft: „Unsere Genossenschaft ist mehr als nur Wohnen. Wir gestalten Leben und Freizeit. Wir sind eine starke generationenübergreifende Solidargemeinschaft.“ Er nennt das Fürsorgeverantwortung, das heißt man schaut aufeinander.

Genossenschaft als Zukunftsmodell

Was bleibt von einer Idee, die im 19. Jahrhundert aus der sozialen Not geboren wurde? In Halle lautet die Antwort: sehr viel. Die HWF zeigt, dass Genossenschaften keine Relikte einer anderen Zeit sind, sondern Antworten auf sehr heutige Fragen geben. Es geht darum, Herausforderungen wie bezahlbares Wohnen, altersgerechte Versorgung, gesellschaftliche Integration oder Einsamkeit im Alter zu bewältigen.
 
Frau Pfanne ist sehr dankbar für ihre lange Erfahrung mit der Wohnungsgenossenschaft. Aufgewachsen in der Nachkriegsarmut, 1947 aus Schlesien geflohen, hat sie nie vergessen, was es bedeutet, eine eigene Küche und ein eigenes Bad zu haben. Heute lebt sie mit ihrem Mann in einer altersgerechten Wohnung. Dazwischen liegt ein ganzes Leben. Und die Genossenschaft hat diesen Weg begleitet.
 
Vielleicht ist es genau das, was die Idee bis heute trägt: dass sie nicht nur Wohnraum schafft, sondern Verlässlichkeit. Dass sie mit den Menschen mitwächst, sich verändert und bleibt. Und dass aus vielen einzelnen Lebensgeschichten am Ende doch wieder das wird, was Hermann Schulze-Delitzsch beschrieben hat: eine große gemeinsame Kraft.