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Einst Todesstreifen – jetzt Lebenslinie

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Sachsen-Anhalt-Journal - „Wege“ (Nr. 3, 2025)

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Themen

Bildung & Vermittlung Denkmal & Baukultur Erinnerungskultur Geschichte Grünes Band

Wo sich zu Zeiten des Kalten Krieges feindliche Armeen aufgerüstet gegenüber standen, wo einst Stacheldraht, Zäune, Mauern und Todesstreifen Dörfer, Familien und Landstriche trennten, darf sich seit 1989 die Natur entfalten. Fast 1400 Kilometer schlängelt sich das Grüne Band, wie der Streifen zwischen dem Kolonnenweg und der ehemaligen innerdeutschen Staatsgrenze genannt wird, durch Deutschland – 343 Kilometer davon in Sachsen-Anhalt entlang der Grenze zu Niedersachsen.

hohen Brocken hinab in das Große Bruch, durch die Börde über die Tagebauregion mit dem ehemaligen grenzüberschreitendem Kohleabbau zwischen Helmstedt und Harbke, entlang kleiner Grenzbäche oder -flüsse weiter über Drömling und Altmark sowie durch die Heidelandschaft mit den Sanddünen an der Wirler Spitze in der Nähe des Arendsees bis zur Elbe. Als Nationales Naturmonument steht dieser Streifen seit 2019 unter besonderem Schutz. Das Grüne Band Deutschland steht seit 2024 auf der deutschen Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe.

Zu entdecken gibt es vieles – egal ob zu Fuß oder per Fahrrad, direkt am Grünen Band oder in den angrenzenden Gebieten, egal ob während eines kurzen Ausfluges oder während einer Mehrtagestour. Das Grüne Band Sachsen-Anhalt beginnt am Dreiländereck Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen am Südrand des Harzes. Das Mittelgebirge mit dem länderübergreifenden Waldnationalpark ist ein Eldorado für Outdoorfans. Allerdings: Große Flächen mit abgestorbenen Fichten bieten teilweise ein erschreckendes Bild. Martin Baumgartner, Pressesprecher des Nationalparks Harz erklärt: „Wir können gut nachvollziehen, dass der Anblick der vielen abgestorbenen Fichten im Nationalpark auf Besucherinnen und Besucher zunächst schockierend wirkt – gerade, wenn man vielleicht zum ersten Mal bei uns ist.“  Aber überall im Harz kann man erkennen, dass zwischen den alten toten Fichten wieder junge Bäume wachsen. „Die Fichten-Monokulturen von einst sind Geschichte. Aber von Waldsterben kann keine Rede sein, im Gegenteil: Der Wald hier ist überaus vital“, ergänzt Baumgartner. „Im gesamten Nationalpark wächst gerade ein neuer artenreicher Mischwald heran. Es entsteht eine neue Wildnis.“ Baumgartner wirbt für einen Besuch im Nationalpark, um sich diesen faszinierenden Prozess anzuschauen. „Ranger und Rangerinnen erklären gerne die größeren Zusammenhänge des Waldwandels.“

Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft zusammen

Wie auf einer Perlenkette reihen sich wertvolle Biotope als Rückzugsräume für bedrohte Tiere und Pflanzen aneinander. Mit etwas Geduld lassen sich Luchs, Wildkatzen, Biber, Braunkehlchen oder Kraniche oder zumindest deren Spuren entdecken. Auf einer Fläche von etwa 4800 Hektar allein in Sachsen-Anhalt haben sich mitten in Deutschland vielfältige Wildnislandschaften entwickelt.
Damit aus dem ehemaligen Todesstreifen eine durchgängige Lebenslinie wird, ist noch viel Engagement und Überzeugung notwendig. Autobahnen und Bahntrassen zerschneiden die Landschaft. Durch intensive Land- und Forstwirtschaft entstehen Lücken im längsten Biotopverbund Deutschlands. Damit dieser einzigartige Lebensraumverbund weiterwachsen kann, braucht es die Zusammenarbeit von Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft. Nur gemeinsam lassen sich die Lücken schließen und die Natur entlang des Grünen Bandes bewahren. Für Wanderer und Radfahrer bedeutet das, sich gründlich vorzubereiten, um den Weg zu finden. Für Tiere ist es eine Herausforderung, die Wanderkorridore zu finden.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Stiftung Umwelt, Natur- und Klimaschutz des Landes Sachsen-Anhalt setzen sich dafür ein, diese Lücken zu schließen.  „Es gibt Erfolge“, so Christian Wiegmann von der Stiftung. „Durch Flächenankauf und Flächentausch werden Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten langfristig gesichert und naturschutzfachlich weiterentwickelt.“ 

Grenzenlos unterwegs

Manchmal gibt es überraschend Leben und Lärm am Grünen Band. Für die Kinder des Waldkindergartens in Beendorf sind das Grüne Band und der Kolonnenweg der tägliche Abenteuerspielplatz. Die Kinder sind zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen grenzenlos unterwegs.

Verena Treichel lebt am Nordrand des Drömling. Als Natur- und Landschaftsführerin begeistert sie Menschen für die Landschaft im ehemaligen Grenzgebiet. Sie betreibt einen Kreativhof, organisiert kulturelle Veranstaltungen und engagiert sich für das Grenzmuseum im ehemals geteilten Ort Zicherie-Böckwitz „Immer wieder höre ich, dass hier nichts los sei. Dabei muss man doch nur machen“, erläutert sie, wie man mit Kreativität die Zukunft der Regionen rund um das Grüne Band gestalten kann.
Rund um die Hansestadt Salzwedel konzentrieren sich wertvolle Naturräume am Grünen Band.

Feuchtbiotope, Moore, Auwälder und eine Binnensalzwiese stehen für Artenvielfalt und Naturreichtum. Von Salzwedel aus koordiniert Dieter Leupold als Projektleiter Grünes Band Sachsen-Anhalt zusammen mit seinem Team für den BUND die Projektgebiete, die sich wie Perlen aneinanderreihen. Das Grüne Band ist hier ein Standortfaktor für sanften Tourismus. „Viele Rad- und Wanderwege am Grünen Band erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.“

Erinnerungsorte

Wer sich aufmacht, die schützenswerten und einzigartigen Biotope zu erleben, wird sich durch die vielen Erinnerungsorte kaum der Geschichte der deutsch-deutschen Teilung und dem vielen menschlichen Leid, das durch diese brutale Grenze entstanden ist, entziehen können. Besuchen Sie eines der vielen Grenzmuseen entlang des Grünen Bandes zum Beispiel die Grenzlandschaft in Sorge mit dem Naturkunstwerk „Ring der Erinnerung“. Sie kann per Multimedia-Guide mit dem eigenen Smartphone erkundet werden. Auf dem siebeneinhalb Hektar großen Gelände der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn lässt sich das Ausmaß der Überwachung erahnen. Große Teile der Originalausstattung der Grenzübergangsstelle (GÜSt) an der ehemaligen Transitstrecke von Helmstedt nach Berlin sind enthalten. Im Grenzmuseum Böckwitz wird die Geschichte des geteilten Doppeldorfes Böckwitz/Zicherie und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen dokumentiert. Der Verein bietet Radtouren und Wanderungen an das Grüne Band und zum Grenzlehrpfad an. Alle Museen ermöglichen Gespräche mit Zeitzeugen.

Spazieren Sie über das Kopfsteinpflaster des geschleiften Dorfes Jahrsau in der Altmark. In dem ehemaligen Rundlingsdorf können Sie erahnen, was es bedeutete, wenn Menschen aus ihren Häusern und ihrer Heimat zwangsausgesiedelt wurden. Auf den Mauerresten der abgerissenen Bauernhäuser legen Besucher ab, was sie im Wald finden. Bei den Sammelstücken vermischt sich die Geschichte der ehemalige Jahrsauer Dorfbewohner mit der Geschichte der Grenzsoldaten. Die Glocke der Jahrsauer Kapelle wurde gerettet. Jahrzehntelang läutete sie im Nachbardorf, jetzt hat sie als Mahnmal der Deutschen Teilung einen Platz im Freilichtmuseum in Diesdorf.

Das Grüne Band Sachsen-Anhalt zieht sich fernab von großen Metropolen durch dünn besiedelte Landstriche. Langweilig ist es keineswegs. Man muss sich nur drauf einlassen. Die Löcher in den Betonplatten des Kolonnenweges sind meist zugewuchert und verschmelzen mit der üppigen Natur, aber auch mit den Schicksalen der Menschen, die an dieser Grenze starben oder ihrer Zukunft beraubt wurden. Wer neugierig ist, wird viele Geschichten hören, vielleicht auch welche, die noch nicht erzählt wurden. Begegnungen am Grünen Band, am ehemaligen Todesstreifen, der zu einer Lebenslinie wurde, lassen sich hervorragend mit Outdoorerfahrungen kombinieren. Es ist der Dreiklang aus Naturschutz, Grenzgeschichte und Kultur, der das Grüne Band einmalig macht.

Beatrix Flatt wanderte 2019 als freie Journalistin zu Fuß 1400 Kilometer entlang des Grünen Bandes vom Dreiländereck bei Hof bis zum Priwall an der Ostsee. Als Grenzgängerin fuhr sie im Sommer 2023 mit dem Fahrrad entlang der deutsch-polnischen Grenze. Auf beiden Touren interviewte sie Menschen, die in den Grenzregionen leben, arbeiten und sich engagieren. Im Verlag Andreas Reiffer veröffentlichte sie die Bücher „Grenzenlos – Begegnungen am Grünen Band“ und „Grenzraum – Begegnungen an Oder und Neiße“. Aktuell ist sie mit dem Fahrrad entlang des ehemaligen und teilweise neuen Eisernen Vorhangs von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer unterwegs.