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Sachsen-Anhalt-Journal - „Zukunft“ (Nr. 1, 2023)

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Themen

Dorfmitte & Soziokultur Fest & Tradition Gleichberechtigung & Inklusion Jung & Alt

Als sich in Nauendorf ein in die Jahre gekommener Heimatverein und eine dynamische Elterninitiative ohne Rechtsform zusammenschließen, setzen sie ungeahnte Energien frei. Das große Dorf im Saalekreis befindet sich seitdem auf der Überholspur.


Es ist 2022, und in Nauendorf blicken die Einwohner:innen auf eine kahle Fläche mitten im Ort, auf der sich einst ein Spielplatz befand. Ein paar junge Eltern wollen, dass hier ein neuer Spielplatz entsteht und dieser Ort wieder mit Kinderlachen erfüllt wird. Ein Jahr geben sie sich selbst dafür. So entsteht damals die ElternInitiative Nauendorf Spielplatz – kurz EINS – und das Motto: WIR SIND EINS.

Allen Beteiligten ist bald klar, dass sie dieses Projekt nur als Gemeinschaft und mit viel Schaffenskraft umsetzen können. Finanzielle Hilfe von außen scheint zu dieser Zeit eher unwahrscheinlich. Die Pandemie, Kriege und weitere globale Krisen hinterlassen auch im Saalekreis ihre Spuren. Es wird Zeit für positiven Spirit und gute Nachrichten. Die jungen Eltern beschließen, die Kosten für den Traumspielplatz aus eigener Kraft zu erwirtschaften.

Der Spielplatz, der in Nauendorf viele Steine ins Rollen brachte

Veranstaltungen für alle Generationen – mit einem gewissen Fokus auf die Kleinsten in unserer Gesellschaft, die häufig zu kurz kommen – sollen die Kassen füllen. Denn: Kinder sind die Zukunft. Keine:r der Beteiligten ist zu diesem Zeitpunkt erfahren oder geübt in der Organisation von Veranstaltungen – also legen sie einfach los. Bei der ersten Veranstaltung wird die Elterninitiative
buchstäblich überrannt und erhält einen unerwartet großen Zuspruch aus der Ortsbevölkerung.

Beflügelt und getragen von dieser Euphorie und Anerkennung organisieren die Nauendorfer Eltern bald zahlreiche weitere Veranstaltungen – wie zum Beispiel Kinder- und Familienfeste, Halloween, Weihnachten in den Höfen, Theatertage und viele mehr.

Die Nauendorfer:innen lernen einander kennen

Die Organisation und das regelmäßige Zusammensein bereitet allen viel Spaß – und schnell entstehen Freundschaften. Darüber hinaus zeigt sich immer deutlicher, wie wichtig und wertvoll diese Veranstaltungen für die Dorfgesellschaft sind. Der für viele spürbaren zunehmenden Anonymisierung im ländlichen Raum wird etwas entgegengesetzt.

Die Leute kommen zusammen und sprechen plötzlich wieder miteinander – und nicht mehr übereinander. Zugezogene Bürger:innen haben die Möglichkeit, schnell Anschluss an die bestehende Ortsbevölkerung zu finden. Und all das für einen guten Zweck – den Kinderspielplatz. Eine echte Win-Win-Situation.

Wie viele Vereine in Sachsen-Anhalt kämpft auch der Heimatverein Nauendorf zu diesem Zeitpunkt mit den Auswirkungen des demografischen Wandels – die wenigen Mitglieder sind in die Jahre gekommen. Und so vollzieht der Heimatverein im Jahr 2023 mit dem Schwung der Neumitglieder aus der Elterninitiative einen weitreichenden Schritt: einen Generationenwechsel im Vorstand.

Die Initiator:innen der Spielplatzinitiative übernehmen das Steuer und leiten fortan die Vereinsgeschicke. Mit einer gesunden Mischung aus zukunftsorientierten Zielen und dem Bestreben, Altbewährtes aufrechtzuerhalten, arbeiten die jüngere und die ältere Generation jetzt Hand in Hand und packen gemeinsam an. Der Heimatverein Nauendorf hat seitdem zahlreiche Veranstaltungen und Projekte in dieser neuen Besetzung auf die Beine gestellt. Dass das ohne größere Konflikte geschah, gibt Zuversicht, dass ein gesellschaftliches Miteinander manchmal einfacher gelingt, als viele denken.

Außenstehende fragen häufig, welche größeren Ziele der Verein verfolgt und was die Motivation ist, ehrenamtlich solch einen Aufwand zu betreiben. Das Anliegen besteht im Wesentlichen darin, den Menschen zu zeigen, wie viel sie gemeinsam bewegen können. Missstände immer nur zu erwähnen, reicht nicht aus.

Man muss sich Verbündete suchen und das Problem selbst in die Hand nehmen: anpacken statt meckern! Die Vertreter:innen aller Generationen können gut miteinander auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten – und leisten dabei ganz nebenbei einen Beitrag zu einem Gemeinschaftsgefühl, das positiv auf das gesamte Dorf ausstrahlt.

Alle sollen am guten Beispiel erkennen: Alter, Herkunft und Religion spielen keine Rolle – es geht um die Menschen.

Das Glas ist grundsätzlich halb voll

Das große Anliegen des Heimatvereins ist es, Nauendorf auch in Zukunft als Ort weiter aktiv zu gestalten und zu verschönern. Nauendorf ist mit über 1.700 Einwohner:innen ein großes Dorf mit viel Potenzial im Speckgürtel der Großstadt Halle. Alle Projekte zielen darauf ab, Nauendorf nachhaltig zu einem lebenswerten Ort zu transformieren.

Im vergangenen Jahr hat der Verein ein Projekt realisiert, das genau darauf abzielt: Der gemeinschaftlich errichtete GenerationenGarten wurde mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis Sachsen-Anhalt 2024 ausgezeichnet – weil ein Begegnungsort für Jung und Alt geschaffen wurde.

Aktuell bemüht sich der Verein unter dem Projekttitel Treffpunkt Draußen um die Erhaltung und Schaffung eines Ortes für Kinder und Jugendliche an der frischen Luft. Diese sollen wieder einen Ort der Begegnung im echten Leben erhalten – und sich nicht nur digital verabreden. Die Finanzierung ist gesichert, und an Ideen und Tatendrang mangelt es auch bei diesem Projekt nicht. Auch ein Klassenzimmer im Grünen steht bereits kurz vor der Fertigstellung.

Ohne eine gehörige Portion Optimismus geht es nicht – deswegen ist das Glas in Nauendorf grundsätzlich halb voll! Probleme erfordern stets Lösungen.

Diese gilt es gemeinsam zu erarbeiten und den Sorgen damit wenig Raum zu geben. Als Ortsteil der Stadt Wettin-Löbejün erhält Nauendorf bei der Umsetzung und bei amtlichen Angelegenheiten viel ideelle Unterstützung. Finanziell ist der Verein hingegen meistens auf sich allein gestellt. In mühevoller
Arbeit müssen deshalb ständig Gelder akquiriert werden – und diese müssen in ihrer Begrenztheit
wohlüberlegt eingesetzt werden. Das erfordert viel Zeit und Kraft, welche manchmal im Umkehrschluss fehlt, um tatkräftig anpacken zu können. Wünschenswert wäre, dass ehrenamtliches Engagement grundsätzlich mehr finanzielle Unterstützung erfährt – und die Vereine nicht zunehmend in die Rolle eines „Fördervereins des Ortes“ gedrängt werden.

Die Mitglieder des Nauendorfer Vereins „WIR SIND EINS“

Kurzinterview

Wie viele Mitglieder hat euer Verein? „Aktuell sind wir 78 Vereinsmitglieder.“ Wer sind die Leute in eurem Verein? „Die Mitglieder sind ein klassischer Querschnitt der Gesellschaft und bilden eine Altersspanne von 3 bis 72 Jahren ab. Der Großteil der Mitglieder ist befreundet und alle arbeiten am liebsten an einem gemeinsamen Ziel – sei es ein Projekt oder eine Veranstaltung. Was alle eint, ist der Wille, etwas Positives zu bewirken.“ Wie oft trefft ihr euch? Wie trefft ihr Entscheidungen im Verein? „Es finden regelmäßig Mitgliederversammlungen statt, welche allein schon aus organisatorischer Sicht für die zahlreichen Veranstaltungen und Projektumsetzungen erforderlich sind. Der Vorstand trifft sich wöchentlich – mitunter auch mehrmals.“ Wie ist euer Verein intern strukturiert? „Der Verein ist aktuell in vier Abteilungen unterteilt: – Heimatpflege (ehemals Brauchtumspflege) – Kindertanzen (Angebot für Kinder ab 3 Jahren) – Veranstaltungen – Freundeskreis Marxzell (unsere Partnergemeinde in Baden-Württemberg)“ Wobei wünscht ihr euch noch Unterstützung? „Wir sind froh über jeden Menschen, der sich unserer Arbeit anschließt – egal ob als Mitglied oder nicht. Denn: Je mehr wir sind, desto mehr können wir auf die Beine stellen.“ Mit welchen anderen Vereinen in eurer Umgebung seid ihr vernetzt? Worin besteht die Zusammenarbeit? „Die Vernetzung ist mittlerweile umfangreich und weitreichend. Wir arbeiten mit den umliegenden Heimatvereinen in Teicha, Morl, Brauchwitz und Salzmünde zusammen und planen, uns auch regelmäßig zu Erfahrungsaustauschen zu treffen. Auch gemeinsame Veranstaltungen und Projekte sind für die Zukunft geplant.“