Matthias Ritzmann
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Eine ganze Stadt packt mit an
Die Kunststiftung Sachsen-Anhalt nahm das 500-jährige Gedenken an den Bauernkrieg und an Thomas Müntzer zum Anlass, Allstedt mit dem Kunstparcours „Glühende Horizonte“ zu beleben.
Einen 7.500-Seelen-Ort im Rahmen des Gedenkens an religiöse und kämpferische Auseinandersetzungen zum Hotspot zeitgenössischer Kunst zu machen – nicht weniger wollten wir, die Mitarbeitenden der Kunststiftung Sachsen-Anhalt und Kunstschaffende der Region. Und das ist uns im Sommer 2025 gelungen!
Das bundesweite Gedenken an 500 Jahre Bauernkrieg und den 500. Todestag von Thomas Müntzer warf bereits 2022 seine Schatten voraus: Wir kamen mit der Idee nach Allstedt, dieses Gedenken mit Kunst zu bereichern. Wir erkundeten die Stadt, wurden herzlich empfangen, erfuhren mannigfache Unterstützung, auch wenn manch einer zunächst skeptisch war, ob Kunst hier an der richtigen Stelle sei. Das ist sie! Gerade hier, jenseits der Kunstzentren, wollten wir Kunst für die Menschen schaffen und mit ihnen.
Allstedt spielte während des Bauernkrieges eine herausragende Rolle. Im 16. Jahrhundert hielt der Pfarrer Thomas Müntzer in Allstedt als Erster den Gottesdienst in deutscher Sprache und prangerte in seiner berühmten „Fürstenpredigt“ im Schloss Allstedt die sozialen Missstände gegenüber der Obrigkeit an. Die schweren Unruhen jener Zeit mündeten in kriegerische Auseinandersetzungen. Der Aufstand der Bauern und Stadtbürger endete mit einer Katastrophe. Müntzer, der diesen Revolutionsversuch mit seinen feurigen Predigerworten angeheizt hatte, starb einen bitteren Tod und mit ihm Zigtausende andere.
Matthias Ritzmann
Mit der „Kapelle der Sehnsucht“ erinnerte die Künstlerin Lisa Reichmann an die 1524 zerstörte Mallerbacher Kapelle.
Matthias Ritzmann
Das gestickte Triptychon im Inneren verbindet Sehnsuchtsmotive mit der Allstedter Landschaft.
Gastfreundschaft für Kunstschaffende
Mit den großen Themen Heimat, Gerechtigkeit, Sehnsucht, Umbruch und Unruhen, die mit dem Gedenken an Müntzer einhergehen, befassten sich auf Einladung der Kunststiftung Sachsen-Anhalt dreizehn Kunstschaffende und Künstlerkollektive. Ausgehend von dem Blick in die Vergangenheit regten die Kunstwerke dazu an, über Freiheit und Gerechtigkeit im Hier und Jetzt bzw. in der Zukunft nachzudenken. Die Künstlerinnen und Künstler schufen für den Kunstparcours, der im Rahmen der Landesausstellung Sachsen-Anhalt „Gerechtigkeyt 1525“ realisiert wurde, Skulpturen und Installationen, die vom 18. Mai bis 5. Oktober 2025 auf einer Länge von rund einem Kilometer im Stadtraum von Allstedt zu sehen waren.
Das Projekt lockte zahlreiche Gäste zur Kunst nach Allstedt. Die Allstedterinnen und Allstedter begegneten uns und der Kunst mit Offenheit, Gastfreundschaft, Neugier, Vertrauen und Herzlichkeit. Und die Kunstwerke? Auch wenn der Kunstparcours „Glühende Horizonte“ nach fünf Monaten offiziell endete, bleiben fast alle Skulpturen und Installationen vor Ort, da der Zuspruch der Stadt und die positive Resonanz so groß waren.
Matthias Ritzmann
Die Kunstinstallation reiht die Wörter „nein“ und „doch“ scheinbar unendlich aneinander. Die Künstlerin Paula Wolber bringt damit das Wesen von Streitgesprächen auf den Punkt. Heute wird so gestritten, zu Müntzers Zeiten war es ebenso.
Matthias Ritzmann
100 Porträts von Allstedter Bürgerinnen und Bürgern, fotografiert von Matthias Ritzmann zierten die Stadt
Ein Weltrekord für Allstedt
Der Künstler Matthias Ritzmann wollte für sein Kunstprojekt die Bevölkerung von Allstedt einbeziehen. Doch wie bringt man Menschen zusammen? Die Idee entstand – wie könnte es anders sein – bei Kaffee und Kuchen. Nirgendwo kommen Menschen besser zueinander als beim gemeinsamen Essen. Doch es ging nicht um irgendeinen Kuchen. Es sollte eine riesige Kaffeetafel mit einem einzigartigen Kuchen werden. Und der Kuchen sollte der größte seiner Art sein. Man plante einen Weltrekord. Ritzmann fand im Allstedter Bäcker Vincent Richter von der Bäckerei Meye genau den richtigen Partner, um dieses Projekt zu realisieren.
Bei der Zubereitung des Kuchens wurden rekordverdächtige Mengen verwendet. Es mussten 370 Eier aufgeschlagen und 64 Kilogramm Mohnmasse auf dem eigens angefertigten Blech verteilt werden. Und das alles in Handarbeit ohne maschinelle Unterstützung. Der Bäckermeister Vincent Richter schaffte es tatsächlich, den weltgrößten, an einem Stück gebackenen Mohnkuchen aufs Blech zu bringen. Der Jubel in Allstedt war groß, als die Kranwaage am 9. Juni 2024 das Rekordgewicht von 128,5 Kilogramm anzeigte. Daraufhin fand die Prüfung des Rekordversuchs statt. Ausführliche Dokumentationen wurden in die GUINNESS-Zentrale nach London geschickt. Und tatsächlich: Der Mohnkuchen aus der Bäcker Meye bekam auch offiziell den GUINNESS WORLD RECORDS-Titel.
Matthias Ritzmann
Bäckermeister Vincent und Mutter Bianca Richter prüfen die Temperatur des Kuchens.
Matthias Ritzmann
Der alles entscheidende Moment: Die Kranwaage vom örtlichen Schrotthändler zeigt das für den Rekord notwendige Gewicht von über 100 kg.
Eine Stadt – viele Gesichter
Aber natürlich wurde der Kuchen nicht nur gebacken, sondern auch verzehrt. 1.500 Menschen waren gekommen, um dem Rekordversuch beizuwohnen. Ein großes Fest für die Stadt. Neben dem Kuchenessen waren die Allstedter eingeladen, sich von Matthias Ritzmann fotografieren zu lassen. Für sein Fotoprojekt „All you can meet“ lichtete er rund 100 Kinder, Jugendliche, Menschen mitten im Berufsleben sowie Seniorinnen und Senioren ab und fragte sie nach ihren Wünschen für die nächsten 500 Jahre. Frieden wünschten sie sich und Schönheit, aber auch ganz konkrete Dinge für ihren Ort: Sauberkeit, Gastronomie und einen Jugendtreff. Die überlebensgroßen Porträts waren im Rahmen des Kunstparcours an verschiedenen Stellen der Stadt zu sehen. Zum Abschluss erhielten alle von Matthias Ritzmann porträtierten Allstedterinnen und Allstedter ihre großen Fotoporträt-Banner.
Matthias Ritzmann
Großer Andrang auf dem Bäckerplatz in Allstedt bei der Verköstigung des Kuchens
Matthias Ritzmann
Die Bäckerfamilie und die Mitarbeiterinnen zeigen stolz die Urkunde von Guinness World Records.
