Karsten Kopjar
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Ein Schluck Gemeinschaft: Whisky, Glaube und geteilte Abende
Der evangelische Medientheologe Karsten Kopjar berichtet, wie gemeinsame Whiskyerlebnisse Menschen verbinden und selbst online eine besondere Form von Gemeinschaft entstehen lassen.
Whisky, das „Wasser des Lebens“, wurde ursprünglich in iro-schottischen Klöstern als Medizin hergestellt und etablierte sich bald als Genussmittel. Vergorene Gerste wird destilliert und darf sich nach mindestens drei Jahren Lagerung im Eichenholzfass Whisky nennen (in den USA und Irland: Whiskey). Whisky-Tastings eignen sich besonders für Einsteiger wie auch für angehende Experten, da man gemeinsam besondere Abfüllungen verkostet.
Ein Beispiel ist eine kirchliche Freundesgruppe aus Erfurt. 2018 lautete die Jahreslosung: „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Passend dazu traf man sich in der Gemeinde, jede Person brachte eine Flasche Whisky mit. Statt einer klassischen Predigt gab es ein Whiskytasting zur Jahreslosung – ein Abend, über den bis heute gesprochen wird.
Von milden irischen Whiskys über kräftig-rauchige Highland-Vertreter bis zu torfigen Inselabfüllungen war alles dabei, und schnell kristallisierten sich persönliche Vorlieben heraus. Nach dem feuchtfröhlichen Abend war man sich einig, solche Tastings häufiger zu veranstalten. Ich war Gastgeber des ersten Abends und wurde als ehemaliger Cocktailmixer vom Whiskyfieber gepackt.
Mit der Corona-Pandemie waren Treffen, Pubs und Veranstaltungen plötzlich unmöglich. Aus Liebe zu Genuss und Gemeinschaft verabredeten wir uns online. Ich füllte identische Whiskys in nummerierte Flaschen ab, die wir gemeinsam per Zoom verkosteten. Zu jeder Probe gab es eine recherchierte Geschichte, etwa über den heiligen Patrick, irische Legenden oder Klöster, die bis heute Spirituosen herstellen. Wir hörten von einer Kirchengemeinde in Rastenburg, die einen Jubiläums-Whisky in der Kirche lagert, um ein Bauprojekt zu unterstützen, und ein Gruppenmitglied begann, in der Lutherkirche Erfurt Whisky als Spendenprojekt einzulagern.
Wenn Historie und Moderne zusammenkommen und Menschen generationen- und milieuübergreifend kulinarisch, kognitiv und spirituell angesprochen werden, entsteht verbindende Gemeinschaft – auch digital. Zwischen Halle, Hannover, Berlin und München wuchs ein Netzwerk aus Whiskyfreunden. Einige kannten sich vorher, andere waren Freunde von Freunden. Die Gemeinschaft traf sich auch nach der Pandemie weiter online, besucht sich inzwischen wieder vor Ort, teilt Flaschen ohne Versand und pflegt regionale Runden. Der Geist der „dezentralen Whiskytastings“ verbindet uns bis heute. Als Medientheologe bin ich überzeugt, dass Whisky besonders geeignet ist, Gemeinschaft zu stiften.
Anne Hornemann
Der Medientheologe Karsten Kopjar
Karsten Kopjar
Vorbereitung für die digitalen Whiskeytastings
