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Ein Backhaus für Alle in Pouch

Ausgabe

Sachsen-Anhalt-Journal - „Genuss“ (Nr. 1, 2026)

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Themen

Alltagskulturen Denkmal & Baukultur Dorfmitte & Soziokultur Fest & Tradition Handwerk & Kunsthandwerk Jung & Alt Nahversorgung

Es begann wie ein Märchen. Am Anfang gab es ein langgestrecktes Wirtschaftsgebäude. An seinem Ende ein Raum, vollgestellt mit alten Möbeln. Die Fenster blind, die Tür altersschwach, die Wellerlehmwände ausgespült. Früher war das mal eine alte Backstube. Über die Jahre war der Raum in Vergessenheit geraten. Eines Nachmittags öffneten wir vorsichtig die Tür, schoben die Spinnweben zur Seite, schraubten eine Aluplatte ab und leuchteten neugierig hinein. Ein Himmel aus Backsteinen und Lehm wölbte sich über Elektroschrott.

Die Männer des Gemeindekirchenrates waren begeistert: Hier sollte man wieder backen. Sie starteten, mit dem Duft frisch gebackenen Brotes schon in der Nase, sofort mit Planen. Es folgten Aktionen zum Fundraising. Doch es war auch Coronazeit. Bis alle Bauanträge bewilligt waren, endete Corona und die Firmen wurden an anderen Orten benötigt.

Junge Hände für ein altes Handwerk

Unerwartete Unterstützung bekamen wir von der Jugendbauhütte Quedlinburg. Unter Leitung von Andreas Schael bauten, verlegten und verputzten junge Freiwillige das Backhaus. Zum Erntedankfest 2022 wurde es feierlich eingeweiht. Wenngleich das Einzige seiner Bauweise, sollte es kein Museum werden.

Backen in solch einem Lehmbackofen konnte im Dorf allerdings keiner mehr. Andreas Schael zeigte zuerst den Männern das Anheizen des Lehmbackofens. Genau gegenüber vom CONFUGIUM, dem ehemaligen Pfarrhaus, zu dem auch das Backhaus gehört, lebte Bäcker Bernd Krieß. Ihn lockten wir, mit seinen über 80 Jahren, in das entstehende Backhaus. Er beobachtete die Arbeiten und schob die ersten Brote hinein. Das Ergebnis war köstlich.

Wir initiierten erste Backwochenenden und luden Lehm- und Backofenbauer, Denkmalpflegerinnen sowie Referentinnen zu Dorfentwicklung und Geschichte der Almendetradition ein. Bäckermeisterin Gerhild Fischer kam dazu und berechnete den Holzbedarf.

Auf ihre Vermittlung hin nahmen wir Kontakt zu Sandy Groh von der Brotbackkirche auf. Mit ihr konzipierten wir ein Weiterbildungsangebot. Von Beginn an hatten wir dabei Backgruppen in der weiteren Region mit im Blick und luden sie zu den Workshops ein. Das sprach sich im Dorf herum. Zu den ersten Backwochenenden kamen zwischen 20 und 50 Personen.

Backen ist wie Laufen lernen. Es muss regelmäßig geübt werden.

Bäckermeister Bernd Krieß packt mit an.

Übung macht das Brot

Gutes Brot zu backen, ist wie Laufen erlernen. Es muss regelmäßig geübt werden und braucht dazu stützende Hände. Seit 2025 treffen sich nun mindestens einmal im Monat bis zu 20 Backbegeisterte. Didaktisch aufgearbeitet vermittelt Sandy Groh alles, was wir für das Brotbacken benötigen, und unser alter Bäcker gesellte sich dazu. Gemeinsam fanden wir unsere perfekte Mischung für ein Poucher Mischbrot mit regionalem Getreide von der Pretzscher Mühle. Es sollte locker sein, eine kräftige Kruste haben und sich für alle Aufstriche eignen. Je nach Lust und Anlass ergänzen wir es mit eingeweichtem Leinsamen, Nüssen, gerösteten Zwiebeln oder bestreichen es mit einer Honig-Öl-Kräutermischung nach dem Backen.

Zur festen Backgruppe gehören mittlerweile zwölf Personen im Alter von zwölf bis 80 Jahren, die sich gut mit allen Prozessen auskennen. Seit wir eine Knetmaschine aus der aufgelösten Bäckerei von Bernd Krieß haben, braucht es nicht mehr so viele Hände zum Kneten. Wir nutzen die Zeit, um vegetarische Aufstriche zu kreieren, die es bei der Brotverkostung zu essen gibt.

Das Heizen des Lehmbackofens entscheidet über das Gelingen des Brotes.

Jedes Brot wird mit einem Zeichen gestempelt.

Die Kunst des richtigen Feuers

Letztendlich entscheiden aber unsere beiden Heizer über das Gelingen. Ein Nachheizen ist, sind die Brote eingeschoben, nicht mehr möglich. Ganz langsam und vorsichtig bringen sie den Ofen auf langanhaltende Temperaturen. Oft beginnen sie den Ofen zwei Tage im Voraus anzuheizen. Erst ist es nur ein schwaches Feuer, welches sich von Tag zu Tag bis auf 400 Grad steigert. Aus dem Abzug zieht der Rauch in Schloten über den Backraum, quillt über der Backofentür in den Raum und steigt dann durch den breiten Schornstein nach draußen.

Die aufgeheizten Schamottsteine auf dem Boden und die Backsteine im Gewölbe geben nun ihre Temperatur an das Backgut ab. Im Idealfall backen wir zuerst Zwiebelkuchen, der die Hitze nimmt, dann Brote bei 220 Grad und zum Schluss noch Hefekuchen. Die restliche Hitze genügt für Plätzchen und das Trocknen von Früchten.

Inzwischen kombinieren wir Rohstoffkunde, Backen und kulturelle Angebote, Singen, Konzert, Kino und Inputs zu nachhaltiger Lebensweise. Mit Backaktionen sind wir an dörflichen Festen beteiligt. Für 2026 planen wir, das dringend benötigte Holzlager mit der Jugendbauhütte Quedlinburg in historischer Bauweise zu errichten.

Wir danken für die Unterstützung von Bequisa, dem Bosch Alumni Netzwerk, Hans Hüller (Witzin), der Initiative Golehm, der Jugendbauhütte Quedlinburg, dem Jugendgemeinderat und den Bürgern von Pouch, Bernd Krieß+, Stefan Mömkes+, Neulandgewinnen e. V., Revierpionier, Startsocial.

Das Poucher Mischbrot mit kräftiger Kruste

Das Backhaus vor der Restaurierung