Freilichtmuseum Diesdorf
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De brune Kohl un de Ollmark
Wie heißt es so schön? Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Dasselbe gilt für den Jahreszyklus: Nach der Winterzeit ist vor der Winterzeit. Man darf also langsam beginnen, wieder an den Winter zu denken. Und kulinarisch bedeutet das, wieder an Kohl zu denken. Vor allem an grünen Kohl! Oder braunen? Ist das dasselbe? Sagt man das nicht nur in Braunschweig und Umgebung? Der grünbraune Kohl ist manchen ein Mysterium. Zeit für ein bisschen Kulturgeschichte!
Grün, braun, norddeutsch? Eine kleine Kohlverwirrung
Um Weihnachten und durch den Januar hindurch hat ihn der eine oder die andere noch eimerweise verputzt, den grünen Kohl, der gekocht irgendwie braun aussieht. Jetzt hat man ihn satt. Bis es wieder kalt wird und auf den Weihnachtsmärkten die Schilder locken: Grünkohl! Viel zu früh, sagt da der Eingeweihte, denn den darf man erst nach dem Frost ernten! Und überhaupt: Grünkohl, ist das nicht eher so eine Oldenburger Angelegenheit? Da oben im Norden, ja, da isst man den Kohl natürlich und in großen Portionen, aber hierzulande? Und von braunem Kohl weiß man selbst in der Altmark wenig, dabei gehörte dieser dereinst zum Land dazu wie die Feldwege und der flache Horizont.
Freilichtmuseum Diesdorf
Freilichtmuseum Diesdorf
Braunkohl im Garten des Freilichtmuseum Diesdorf. Er erreicht eine Wuchshöhe von bis zu zwei Metern.
Johann Wilhelm Jakob Bornemann (geb. 1766 in Gardelegen, gest. 1851 in Berlin), der in der Altmark geboren wurde und es später bis zum Generaldirektor der Preußischen Staatslotterie brachte, setzte dem altmärkischen Kohl ein literarisches Denkmal: das immerhin 25 Strophen lange Gedicht De Ollmärksche brune Kohl. Es ist zugleich eine niederdeutsche Liebeserklärung an sowie eine biedermeierhübsche Darstellung des ländlichen Lebens rund um den Braunkohl, von dessen Ernte, Verarbeitung und natürlich Verspeisung bis hin zu der praktisch identitätsstiftenden Werthaftigkeit im altmärkischen Selbstbewusstsein:
Kümmt en ehrlich Ollmärksch Kind
Ut de Fibelschool,
Wird sien erstet Blarren sind:
Mudder! Brunen Kohl!
Dass die altmärkischen Kinder noch heute nach braunem Kohl gieren, sobald sie aus der Schule kommen, muss stark bezweifelt werden. Im Gegenteil, beinahe wäre seine schiere Existenz durch veränderte und verfeinerte Speisegewohnheiten in Vergessenheit geraten. Dabei war in den Zeiten vor Einführung der Kartoffel der zwischen rot, violett und braun changierende Kohl das mit Abstand wichtigste Grundnahrungsmittel der altmärkischen Landbevölkerung im Winter. So wichtig, dass Altenteilern sogar vertraglich ein Kohlgarten zugesprochen wurde, der die Ernährung in der kalten Zeit sicherstellen sollte. Als man im Freilichtmuseum Diesdorf in der Altmark 1985 einen historisch-realistischen altmärkischen Bauerngarten anlegen wollte, durfte der alte Kohl natürlich nicht fehlen. Aber in jedermanns Garten wuchs dieser schon lange nicht mehr. Jedoch fand man einige Züchtungen in Dörfern zwischen Gardelegen und Klötze, die hauptsächlich als Futterpflanze dienten, und konnte so den echten altmärkischen Braunkohl erhalten. Heute wird dieser wieder als Saatgut verkauft und ist im Freilichtmuseum in Diesdorf, wo sich vor allem das Ehepaar Heller als Retter des Braunkohls hervorgetan hat, natürlich auch zu sehen.
LHBSA, Foto: Martin Müller
Johann Wilhelm Jakob Bornemann
LHBSA, Foto: Martin Müller
De Ollmärksche brune Kohl. Gedicht von Johann Wilhelm Jakob Bornemann
Vom Frostsignal zur Züchtung: Wie der Kohl wurde, was er ist
Für den Volksmund galt damals wie heute, ob für braun oder grün, eine Sache als besonders wichtig: Der Kohl muss Frost bekommen haben, bevor er geerntet wird. Bornemann beschreibt den vom Frost glitzernden Kohl in seiner ländlich-lyrischen Art gar als öberzuckert, und fügt – im literarischen Bild bleibend – wenig später hinzu: Bruner Kohl wird honnigsöt, is he scharp gefroar’n. Die wissenschaftliche Erklärung dahinter ist weniger lyrisch: Wenn es kälter wird, verlangsamt sich der Stoffwechsel der Pflanze. Sie reichert den nicht mehr für die Verbrennung benötigten Zucker in den Blättern an. Der Kohl wird dadurch weniger bitter. Frost ist also eigentlich nicht nötig, sondern eine möglichst lange Feldreife bei niedrigen Temperaturen. Den Landmenschen von früher galt aber der frostige Überzug als bewährtes Signal zur besonderen Reife – und damit halten es auch heute noch viele.
Nötig ist das bei modernen Grünkohlsorten jedoch nicht mehr. Diese sind bitterstoffarm genug, dass man die große norddeutsche Nachfrage auch vor dem ersten Frost decken kann. Genau zu diesem Zweck wurde er nämlich erfunden, der Grüne. Die Bitterstoffe des Kohls – aber auch der reiche Geschmack – entwickeln sich durch Sonnenlicht. Je weniger Licht der Kohl bekommt, desto weniger bitter ist er also. Deswegen züchteten Bauern aus den ursprünglich braunen oder braunrötlichen Kohlsorten immer hellere und krause Varianten, um den Lichteinfall und die damit verbundene Photosynthese zu minimieren. Das Ergebnis war der Grünkohl, der heute nur noch aus alter Gewohnheit in manchen Gegenden Braunkohl genannt wird, mit diesem aber nur noch seine Geschichte teilt.
Bornemann belächelt den Grünkohl:
Grönkohl is män Kräpelquark,
Wird män handhoch lang,
Brunkohl wässt in unse Mark
Mannshoch dörch de Bank.
Dieses Urteil könnte man hochnäsig nennen, wenn es nicht so wäre, dass der altmärkische Braunkohl palmenähnlich wächst und dabei Wuchshöhen bis zu zwei Metern erreicht. Ein Umstand, der ihm den hübschen Beinamen Kiek över‘n Tun, also Guck über den Zaun einbrachte. Den üppigen Wuchs nahm man gern an, ernährte er nicht zuletzt die ganze Familie. Jedoch aß man den Kohl in alten Zeiten deutlich anders als heute. Seine Blätter wurden kiepenweise hereingebracht und meist nur wenig geschnitten in großen Kessel geschmort. Oft in denselben Kesseln, in denen auch für das Vieh gekocht wurde. Nach dem Auskochen des Wassers im Kohl (der ohne diese Maßnahme grusig schmecken würde), kam tüchtig Schmalz in den Topf, der Kohl quackerte eine Weile, dann wurde recht bald schon serviert. Dreitägige Kochzeiten, wie sie Grünkohlexperten heute einfordern, waren damals Ressourcenverschwendung. Das Gekochte wurde täglich neu aufgewärmt und damit immer besser. Fleisch sah der Kohl eher nicht. Vom kiloweisen Zerkochen von Mettwürsten, Schweinenacken oder Kassler, damit der Kohl schmeckt, war damals nur zu träumen! Wer es sich leisten konnte, aß Fleisch natürlich dazu, mindestens aber Kartoffel. Freilich erst nach deren Einführung in Deutschland. Davor war der braune Kohl quasi allein auf dem Teller und brachte die Menschen der Altmark durch den Winter.
LHBSA, Foto: Martin Müller
Gekochter Braunkohl
Deswegen hat die Altmark ihrem Kohl eine Menge zu verdanken und wer weiß, vielleicht kiekt er ja irgendwann wieder über jeden zweiten Tun? Immerhin schließt Bornemann sein Gedicht mit einem Hinweis auf die ganzheitliche Wirkung des Kohls und behauptet nebenbei, dass dieser sogar das Aussehen der Altmärker prägte:
Kohl hält Lief un Seel tosamm,
Is en nährig Krut;
Doavon säht de Ollmarksstamm
Ok so handfest ut.
