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Artikel

Aus Sachsen-Anhalt über Prag in die Freiheit

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Sachsen-Anhalt-Journal - „Wege“ (Nr. 3, 2025)

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Themen

Erinnerungskultur Geschichte Grünes Band

In den Herbsttagen 1989 kreuzten sich in der Prager Botschaft die Lebenswege Tausender Menschen. Darunter waren viele aus den Bezirken Halle und Magdeburg, dem heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt. Jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte, Gründe warum er seine Heimat, seine Familie und Freunde vielleicht für immer verlassen wollte. Jeder hatte eigene Träume und Ziele.

Den raschen Zusammenbruch der DDR konnte damals noch niemand ahnen. In der Prager Botschaft kamen diese Lebenswege auf engem Raum zusammen und sie führten von dort aus auch wieder auseinander. Doch für alle, die dabei waren, gehören die Tage in Prag zu den einschneidenden Ereignissen in ihrem Leben.

Gunter und Marianne Raecke

Gunter und Marianne Raecke leiteten eine Gaststätte in Remkersleben. Dabei gerieten sie mit örtlichen Parteivertretern in Konflikt. Wahrscheinlich deshalb erhielten sie überraschend die Kündigung. Nun mussten sie erniedrigende und gesundheitsgefährdende Jobs annehmen. Sie stellten einen Ausreiseantrag. Einmal, nach einem Friedensgebet in Magdeburg, wurden sie sogar verhaftet. Sie entschieden sich zur Flucht über Prag. Mit nur einem Rucksack Gepäck setzten sie sich auf ein Motorrad und fuhren bei strömendem Regen Richtung Dresden und Tschechoslowakei. Ihren Verwandten hatten sie erzählt, sie fahren in den Urlaub. Nach der Passkontrolle eine Schrecksekunde: Der Motor sprang nicht mehr an. Doch der Grenzpolizist legte seine Kalaschnikow zur Seite und half beim Anschieben. Er ahnte nicht, dass er sich so zum Fluchthelfer machte. Im Schutz der Dunkelheit näherten sie sich der Botschaft. Am Zaun lehnte eine alte Kabeltrommel. Mit ihr konnte man leicht den Zaun überwinden. Fast vier Wochen waren Raeckes in der Botschaft, bis der Zug sie in den Westen brachte. Dort fanden beide in München schnell Arbeit. Später zogen sie nach Niedersachsen. Mit ihrem verdienten Geld konnten sie sich einen Traum verwirklichen und dem Reitsport nachgehen. Sie besaßen später sogar eigene Pferde. Heute leben sie in der Lüneburger Heide.

Gunter und Marianne Raecke, 1988

Gunter und Marianne Raecke, 2024

Carla und Knut Wahala

Auch Carla und Knut Wahala arbeiteten in der Gastronomie. Sie hatten zwei Kinder. Sie leiteten das Restaurant Donezk im Magdeburger Palais am Fürstenwall, dem heutigen Amtssitz des Ministerpräsidenten. 1986 stellten sie einen Ausreiseantrag. Sofort verloren sie ihre Arbeit. Die Anträge wurden abgelehnt, doch die Schikanen gingen weiter. Im September 1989 fuhr zunächst Knut Wahala mit einem befreundeten Familienvater nach Prag, um die Lage zu sondieren. Doch es gab keine Telefonverbindung nach Hause. Nach zwei Wochen Ungewissheit entschied sich Carla Wahala, mit den Kindern nach Prag nachzureisen. Doch wie den Mann unter den vielen Flüchtlingen finden? Nachdem sie den Zaun überstiegen hatte, traf sie einen Bekannten, der sie zu Knut führte. Er hatte sein Lager auf einer mit Pappe bedeckten Truppenstufe gefunden. Glücklicherweise verkündete noch am gleichen Tag Hans-Dietrich Genscher die Ausreise. Im Westen kamen sie bei Bekannten in der Nähe von Frankfurt (Main) unter. Als Knut im Fernsehen die Berichte über die Demonstrationen in der DDR sah, sagte er: „Wir sind hier am falschen Ort. Jetzt tut sich was und wir sind nicht dabei.“ Also entschied sich die Familie zur Rückkehr in die DDR. Das war aber nicht einfach, denn die DDR hatte sie aus der Staatsbürgerschaft entlassen. Nun galten sie als Ausländer. Daher kamen sie zunächst in ein Lager, wurden voneinander getrennt und verhört. In Magdeburg waren die alte Wohnung, ihre Möbel, Kleidung und Hausrat weg und beschlagnahmt. Sie mussten ganz von vorne anfangen. Ehemalige Kolleginnen und Kollegen sparten nicht mit Häme. Später zogen sie nach Wolmirstedt. Knut Wahala arbeitete für einen Lebensmittelkonzern, Carla Wahala machte eine Ausbildung zur Investment-Fachberaterin. Sie ist heute Partnerin eines Versicherungsbüros in Wolmirstedt. Die beiden Söhne betreiben eine Wassersportstation auf Rhodos.

Familie Wahala, 1989

Familie Wahala, 2023

Kathrin Keasler

Kathrin Keasler war 1989 13 Jahre alt. Sie wuchs in Bernburg auf, ihr Vater war Berufsmusiker. Sie hatte, wie sie sagt, eine glückliche Kindheit, doch sie erinnert sich, dass man vorsichtig sein musste, was man außerhalb der Familie sagt. Angesichts der Berichte über die erfolgreichen Botschaftsfluchten trafen die Eltern die Entscheidung, sich ebenfalls auf den Weg zu machen. Im Trabi fuhr die vierköpfige Familie zusammen mit einer Tante, deren Mann und kleinem Baby nach Prag. Die Botschaft war schon wieder überfüllt, doch nach wenigen Tagen klappte die Ausreise. Die Familie zog zunächst nach Wuppertal, später nach Solingen. Für Kathrin war das Leben im Westen ein Kulturschock. Alles, auch die Schule, war so ganz anders, als sie es gewohnt war. Sie brauchte lange, um richtig Fuß zu fassen. Später lernte sie einen ehemaligen US-Soldaten kennen und heiratete ihn. 2007 zog die Familie in die USA. Sie lebte viele Jahre in Texas, seit September 2024 lebt sie in Florida.

Kathrin Keasler, 1980er Jahre

Familie Keasler, heute

Drei Lebenswege von vielen Menschen aus Sachsen-Anhalt, die sich im Herbst 1989 in der deutschen Botschaft in Prag kreuzten. In allen drei Fällen hatten die Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit der SED-Diktatur gemacht. Nachdem sie in Freiheit waren, verlief ihre Entwicklung ganz unterschiedlich und nicht immer geradlinig. Doch alle haben sich bewusst für diesen Weg entschieden, trotz der Risiken, die eine Flucht mit sich brachte. Und sie haben ihre Entscheidung nicht bereut. Die deutsche Botschaft in Prag war für alle in gleicher Weise die erste Station auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben und hat einen zentralen Platz in ihrer Erinnerung.

Die drei Lebensgeschichten werden auch in der multimedialen Plakatausstellung „Fluchtpunkt Botschaft Prag“ gezeigt, die vom Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erstellt und vom Landtag gefördert wurde. Kontakt: info@lza.lt.sachsen-anhalt.de