Matthias Behne, laut wie leise
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Auf der Suche nach Urgroßvater Jahn
Eine Tonscherbe im Garten seiner Eltern stand am Anfang von Silvio Jahns Begeisterung für alles Historische. Inzwischen engagiert er sich in seinem Heimatort Neuenhofe im Dorfmuseum, schreibt die jahrhundertealte Ortschronik fort und forscht zu seiner eigenen Familiengeschichte. Mit dem Sachsen-Anhalt-Journal spricht der Heimatforscher über seine bisherigen Meilensteine.
Als die Eltern von Silvio Jahn im Jahr 1995 ein tiefes Loch auf ihrem Grundstück graben, um einen Teich anzulegen, ist ihnen wahrscheinlich nicht klar, dass diese Baustelle den Forschergeist ihres Sohnes wecken würde. Im Erdreich findet der damals Elfjährige eine kleine Tonscherbe, die ihm wertvoll erscheint. Ein Archäologe sagt ihm damals, dass die Scherbe aus dem Mittelalter stamme. Eine genauere Untersuchung ergibt sogar, dass es sich um einen bronzezeitlichen Scherbenfund handelt. Der Schüler ist hellauf begeistert von seiner Entdeckung, von Geschichte im Allgemeinen und von der Geschichte seines unmittelbaren Umfelds im Speziellen. Er träumt fortan davon, Archäologie zu studieren, wenn er erwachsen ist. „Mein Vater, der auf dem Bau arbeitete, konnte meine Aufregung um eine Scherbe nicht verstehen“ erzählt Silvio Jahn heute im Gespräch mit dem Sachsen-Anhalt-Journal lachend und deutet an, dass Bauarbeiter: innen und Archäolog:innen quasi natürliche Fressfeinde seien. Silvio Jahn ist heute 39 Jahre alt und wohnt wieder in seinem Heimatdorf Neuenhofe im Bördekreis (siehe Infokasten). Etwa zeitgleich mit seinem Scherbenfund hat Peggy Helmecke, die Frau des damaligen Bürgermeisters, mit Hilfe von ABM-Kräften ein kleines Museum in einem alten Kornhaus eingerichtet, das zu DDR-Zeiten als als Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) genutzt wurde und unmittelbar nach der Wende leer stand.
Landesheimatbund Sachsen-Anhalt
Eine Scherbe wie diese weckte Silvio Jahns Interesse für Geschichte im Allgemeinen und die Geschichte seines unmittelbaren Umfelds im Speziellen.
Landesheimatbund Sachsen-Anhalt
Das alte Kornhaus in Neuenhofe war zu DDR-Zeiten eine Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG), stand nach der Wende leer und ist heute ein kleines Museum.
Sandmännchen, Sammeltassen und Sowjets
Auf einem Tisch mitten im Raum steht ein Kaffeegedeck aus Sammeltassen. Die Schränke, Vitrinen und Wände sind gefüllt mit DDR-Devotionalien, historischen Alltagsgegenständen und unscheinbaren Schätzen, die die wechselhafte Geschichte des Dorfes und der Welt illustrieren. Ein altes Tonbandgerät steht neben einer Sandmännchenpuppe und Omas guten Kristallgläsern. In einem Vitrinenschrank liegen unzählige Tonscherben wie jene, die Silvio Jahn vor rund einem Vierteljahrhundert gefunden hat. Der frühere sowjetische Staatschef Leonid Breschnew blickt auf einem gerahmten Porträtfoto staatsmännisch in die Ferne. Es ist alles etwas viel und genau das macht den Eklektizismus des Neuenhofer Dorfmuseums aus, in dem sich Silvio Jahn inzwischen engagiert. Das historische Gebäude ist der passende Ort für ein Interview mit dem Heimatforscher, denn seine Familiengeschichte ist seit jeher eng mit der Geschichte Neuenhofes verknüpft. „Als ich noch jünger war, habe ich alle lebenden Verwandten nach unserer Familiengeschichte gefragt“, erinnert sich Silvio Jahn, „das waren vor allem meine Tanten.“ Von ihnen erfährt er, dass eine Linie seines Stammbaumes aus dem benachbarten Uthmöden stammt. Was heute wie eine recht unspektakuläre Wanderungsbewegung anmutet, hat ungeahnte Implikationen für seine Familienforschung, die er nach dem Tod der Tanten ernsthafter zu betreiben beginnt. Im Gegensatz zum preußischen Neuenhofe gehörte der Nachbarort nämlich zum braunschweigischen Amt Calvörde (siehe Infokasten). Diese historische Grenzziehung sorgte für ein jähes Ende von Silvio Jahns Nachforschungen im Haldensleber Stadtarchiv. „Ich konnte meine Familie väterlicherseits nur bis 1885 zurückverfolgen. Immerhin ging aus den Archivunterlagen hervor, dass meine Vorväter über viele Generationen Stellmacher waren“, erzählt Silvio Jahn, der selbst Vater zweier Kinder ist.
„Es war wie ein Puzzle, das ich endlich vervollständigen konnte.“
Durch eine Internetrecherche in digitalisierten historischen Kirchenbüchern des Amtes Calvörde findet er zwar auch eine Familie Jahn, deren Linie bis 1602 zurückgeht, „aber es fehlen zwei Generationen zwischen 1814 und 1885, um die älteren Jahns sicher mit den jüngeren Jahns zu verbinden“, so der Neuenhofer. Die Haldensleber Stadtarchivarin gibt ihm aber einen Tipp: Er solle nach Wolfenbüttel fahren, wo das niedersächsische Landesarchiv für die historische Region Braunschweig sitzt. Sollten Teile seiner Familie tatsächlich aus Uthmöden gekommen sein, würde er dort fündig werden. Und tatsächlich: „Es war wie ein Puzzle, das ich dann endlich vervollständigen konnte“, beschreibt Silvio Jahn den glücklichen Moment, als er die beiden Familienlinien zweifelsfrei miteinander verknüpft. Heinrich Wilhelm Jahn hieß der Urgroßvater, der seinem Nachfahren noch gut 150 Jahre später mit seinem Umzug von Uthmöden nach Neuenhofe die Recherche erschwert. Dass die Aufzeichnungen der Kirchenbücher zu Beginn des 19. Jahrhunderts enden, hat hingegen andere Ursachen, weiß Silvio Jahn: „Während der Napoleonischen Besetzung wurden im heutigen Sachsen-Anhalt Standesämter eingeführt. Erst seitdem wurden Veränderungen der biografischen Angaben, wie Geburts-, Hochzeits- und Sterbedaten, nicht mehr von den Kirchen erhoben.“
Über die Jahre hat sich der gelernte Einzelhandelskaufmann gezielt auf verschiedenen Gebieten fortgebildet, um seine Ahnenforschung voranzubringen, die seit 1877 geführte Neuenhofer Orts- chronik fortzuschreiben und Archäolog:innen bei Ausgrabungen auf dem Gebiet der Gemeinde Westheide offiziell als Ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger unterstützen zu können: „Ich habe zum Beispiel Kurrent- und Sütterlinschrift gelernt, um alte Dokumente lesen zu können. Der Grundlagenkurs Heimatforschung des Landesheimatbunds hat mich sehr weitergebracht bei der Recherche in Online-Archiven.“
Infokasten
Nienofe is en kleenet Dorp in Böre-Kreis an Ranne von de Colbitz-Letzlinger Heide, nich wiet wech von Halsle. Hier lewen 800 Lüe. 2010 is dat Dorp en Deil von de Gemeinde Westheide eworrn. Dä Geschichte von Nienofe is met’n Kloster Hillersle verbunn. De Schape von’n Kloster hewwn dat Gras op’n „nien Hofe“ efreten, sau is dat Dorp tau sien Nam ekomn un tau dat Schap in’t Wappn. Freuher war Nienofe en Deil von’t Erzbistum Madeborch un späder denne von Brannborch-Preußen. Dat Dorp Uthmöden is hüte en Deil von Halsle, 9 Kilometer wiet wech von Nienofe. Freuher (1571 bet 1945) war Uthmöden en Deil von’t Amt Calvörde un damidde en Deil von’t Herzogtum Brunswiek. Hüte lewen 400 Lüe in dat Stratndorp.
Silvio Jahn
Silvio Jahn kann seinen Stammbaum bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen.
Von der Börde in den US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und wieder zurück
Ein weiterer Vorfahr aus der Uthmödener Linie, auf den Silvio Jahn während seiner Recherchen gestoßen ist, hat 1777 auf Seiten Englands im US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft. Braunschweig war damals mit dem hannoverschen Herrscherhaus verbündet, das seinerzeit England regierte, und schickte 5.723 Soldaten über den großen Teich, um gegen die abtrünnige Kolonie zu kämpfen – darunter der Großonkel aus Uthmöden, der aber bald desertierte und zurück in die Börde zog. „Man lernt Leute kennen, die vor hunderten Jahren gelebt haben“, beschreibt Silvio Jahn sein Gefühl, als er Familiengeschichten wie diese erfährt. Aber nicht jedem Menschen in seinem Familienstammbaum sind lange, glückliche oder aufregende Leben beschieden: „Manche – das lässt sich aus den Büchern erfahren – sind wiederum im Kindesalter an Pocken gestorben“, so der Heimatforscher. Sein ältester bekannter Vorfahr in der väterlichen Linie heißt Caspar Jahn, war Leinenwebermeister und wurde wahrscheinlich im Jahr 1602 geboren. „Ich probiere, mir anhand bekannter Zeitgenossen, wie etwa Otto von Guericke, der im selben Jahr geboren ist, vorzustellen, wie Caspar Jahn ausgesehen hat, welche Kleidung er getragen und wie er gelebt hat“, beschreibt Silvio Jahn seinen Bezug zu seinem Urururgroßvater. Mit seinem wohl bekanntesten Namensvetter, Turnvater Jahn, dessen Leben sich zu großen Teilen im Gebiet des heutigen Sachsen- Anhalts abgespielt hat, sei er übrigens – trotz der geografischen Nähe – seines Wissens nicht verwandt, bemerkt Silvio Jahn beiläufig: „Aber es gibt noch einige Familienzweige, die ich nicht erforscht habe.“
Silvio Jahn
Silvio Jahn engagiert sich im Dorfmuseum und betreibt Familienforschung.
