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Als Salzwedel noch Maß nahm – Im Bürgermeisterhof werden Erinnerungen an die PGH Modewerkstätten wach

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Sachsen-Anhalt-Journal - „Genossenschaft“ (Nr. 2, 2026)

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Geschichte Handwerk & Kunsthandwerk

Im Mai des letzten Jahres kamen rund 30 Frauen im Bürgermeisterhof in Salzwedel zusammen. Eingeladen hatte der Verein Bürgermeisterhof e. V., der das im 16. Jahrhundert erbaute Fachwerkensemble seit 2020 saniert und neu belebt. Es war eine Rückkehr: Alle Eingeladenen haben hier früher gearbeitet, als der Hof Sitz der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) Modewerkstätten Salzwedel war. Bei Kaffee und Kuchen, Rundgängen und Interviews wurden Erinnerungen wach.

In den 1970er Jahren zog die PGH in den Bürgermeisterhof. In der Blütezeit arbeiteten hier rund 140 Menschen. Zum Betrieb gehörten Maßschneidereien für Damen und Herren, Konfektionsabteilungen für alle Altersgruppen, eine Kürschnerei, Änderungsschneiderei, Siebdruckerei, Mützenproduktion und ein Stoffkontor.

Maßarbeit im historischen Hof

Der Alltag in den Werkstätten war klar strukturiert und eng getaktet. „Um sieben Uhr ging es los, um acht Uhr öffnete der Laden“, erinnert sich Christel Lange, die als Damenmaßschneiderin arbeitete. „Mittags hatten wir eine Stunde Pause, um halb fünf wurde geschlossen und um fünf war Feierabend.“

Die Kundschaft der Maßschneiderei brachte die Stoffe meist selbst mit; Vorlagen lieferten Modezeitschriften oder Schnittmuster, oft aus Westdeutschland. Zwei Anproben gab es üblich, bevor ein Kleid oder ein Anzug fertig war. Die Auftragslage schwankte im Jahresverlauf. Vor Jugendweihe und Hochzeitssaison herrschte Hochbetrieb, im Winter wurde es ruhiger. „Im Januar war oft Sauregurkenzeit. Dann haben wir Anoraks für Kinder, Beutel oder Wimpel genäht, damit kein Leerlauf entstand. Wir mussten ja Geld einbringen“, erinnert sich die Damenmaßschneiderin Gertraude Harder.

Der Bürgermeisterhof Salzwedel ist ein Fachwerkensemble aus dem 16. Jahrhundert.

Beim Treffen ehemaliger Mitarbeiterinnen im Mai 2025 wurden Erinnerungen an die Arbeit in der PGH wach.

Christel Lange arbeitete als Damenmaßschneiderin.

Serienproduktion für die Republik

Neben der Maßarbeit war die Konfektion ein zentraler Betriebszweig. In großen Sälen arbeiteten viele Näherinnen gleichzeitig. „Es war laut, etwa 35 Frauen saßen hintereinander“, erinnert sich Kathrin Stade, die hier ihre Lehre begann.

Gearbeitet wurde im Akkord: Jede übernahm einen festen Arbeitsschritt. Die fertige Kleidung ging an Großabnehmer in der gesamten DDR und wurde über staatliche Handelsorganisationen vertrieben, teils auch in die Bundesrepublik exportiert. Für den wirtschaftlichen Erfolg war dieser Betriebszweig entscheidend. „Die Maßschneiderei arbeitete für die Menschen vor Ort, die Konfektion für die ganze Republik“, erklärt der Herrenmaßschneider Walter Pieper.

Kathrin Stade machte sich nach der Wende als Schneiderin selbstständig.

Der Herrenmaßschneider Walter Pieper war 37 Jahre, als die PGH abgewickelt wurde.

Die Genossenschaft als Wirtschaftsform

Die Modewerkstätten waren kein volkseigener Betrieb, sondern eine Produktionsgenossenschaft. Formal gehörte sie damit ihren Mitgliedern. Produktionsgenossenschaften entstanden in der DDR als sozialistische Alternative zum privaten Handwerk. Ihre Mitglieder – Handwerker, Gewerbetreibende und deren Beschäftigte – schlossen sich zusammen, um gemeinschaftlich zu produzieren und gemeinsames Eigentum an den Betriebsmitteln zu bilden. Ab 1973 wurden die Genossenschaften jedoch per Musterstatut in die zentrale Planwirtschaft eingebunden und verloren damit weitgehend ihren eigenständigen genossenschaftlichen Charakter. „Wir waren ein halbstaatlicher Betrieb“, erklärt die frühere Lohnbuchhalterin Christel Olbrich. Am Jahresende wurden die Gewinne verteilt.

Die Mitarbeiterinnen berichten, dass eine strenge Organisation herrschte. Produktionsnormen bestimmten die Dauer einzelner Arbeitsschritte. Auch die Kontrolle verlief engmaschig: „Jeder Knopf wurde gezählt, jeder Reißverschluss“, erinnert sich Christel Lange aus der Revisionskommission. Vierteljährliche Prüfungen und eine große Jahresinventur gehörten ebenfalls dazu.

Arbeit und Gemeinschaft

Für viele war die PGH mehr als ein Arbeitsplatz. Die Belegschaft bestand überwiegend aus Frauen, viele blieben jahrzehntelang. „Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft“, sagt Christel Lange.

Das Betriebsleben war vielfältig: Frauentag, Betriebsausflüge und Veranstaltungen des Kulturausschusses prägten das Miteinander. Auch Sport gehörte dazu. „Einmal in der Woche haben wir abends im Kulturraum Sport gemacht“, erinnert sich Gertraude Harder – ein willkommener Ausgleich zur Arbeit an der Nähmaschine.

Christel Olbrich war als Lohnbuchhalterin bei der PGH beschäftigt.

Das abrupte Ende

Mit der Wende 1989/90 brach der Betrieb rasch ein. Aufträge und Kundschaft verschwanden. „Unsere Kollegen kamen 1990 von der Leipziger Messe zurück und hatten keine einzige Hose verkauft“, erinnert sich Christel Olbrich. Statt Maßanfertigungen kauften viele Menschen nun günstige Kleidung von der Stange.

Am 22. Mai 1990 wurden die Kündigungen verschickt. Die PGH gehörte zu den ersten Betrieben der Region, die geschlossen wurden. „Wir mussten zum Landratsamt, um unsere Arbeitslosenunterlagen zu holen. Ein Arbeitsamt gab es zu diesem Zeitpunkt hier noch nicht“, sagt Walter Pieper. Mit diesem Ende teilte die PGH Modewerkstätten das Schicksal der meisten Handwerksgenossenschaften in der DDR: Das PGH-System brach nach der Wende binnen kürzester Zeit zusammen.

Maschinen und Materialien wurden verkauft, die Genossenschaftsmitglieder erhielten rund 1.000 Mark Abfindung pro Arbeitsjahr. Für viele kam das Ende überraschend. Beate Klaas, damals 18 und frisch ausgelernt, erinnert sich: „Alle waren aufgeregt und traurig. Ich wollte meinen Meister machen. Plötzlich war alles vorbei.“ Es folgte für viele eine schwierige Zeit mit Arbeitslosigkeit, beruflicher Neuorientierung und langen Pendelwegen.

Mit dem Kündigungsschreiben vom 22. Mai 1990 war das Ende der PGH für die Beschäftigten besiegelt.

Ein Hof bekommt neues Leben

Nach der Wende wechselte der Bürgermeisterhof mehrfach den Besitzer, stand lange leer und verfiel. 2020 erwarb ihn eine Gruppe Engagierter für 80.000 Euro, überwiegend aus privaten Mitteln, und gründete den Verein Bürgermeisterhof e. V.

Das Ensemble wurde mit Spenden, Crowdfunding und viel Eigeninitiative saniert. Heute finden hier Konzerte, Ausstellungen und andere Kulturveranstaltungen statt. Ein Gemeinschaftsladen für regionales Kunsthandwerk und eine kleine Nähwerkstatt knüpfen an die Geschichte des Ortes an.

Ein besonderer Ort ist die „Bürgermeisterliche Kuriositäten- und Wunderkammer“. Auf engem Raum zeigen Vereinsmitglieder Fundstücke aus der Geschichte des Hauses, darunter auch Objekte aus der PGH-Zeit. Eine Modepuppe, ein Nähtisch, ein Arbeitsvertrag und das Kündigungsschreiben von 1990 erzählen von der Zeit der Modewerkstätten.

In der Bürgermeisterlichen Kuriositäten- und Wunderkammer wird das Andenken an die PGH Modewerkstätten bewahrt.